Wozu will ich hier sein?

Wie oft dachte ich schon: das macht hier doch einfach alles keinen Sinn.

Wir kommen.

Wir wundern uns.

Und noch bevor wir überhaupt in die Nähe eines Gefühls von Sinn kommen, geht es schon wieder gegen Ende.

Es gibt keinen erkennbaren Zweck für unsere Existenz. Zumindest keinen, der mir bekannt wäre und überzeugend erschiene.

Deshalb frage ich mich: wozu will ich hier sein?

Diese Frage ist neuer für mich. Neuer als „wozu bin ich da?“. Dass ich selbst den Dingen, dem Leben einen Zweck gebe. Weil es in 26 Jahren kein anderer getan hat. Kein Gott. Kein Staat. Kein Chef. Das scheint mir gut und richtig so.

Aber es scheint mir auch keine schnelle Antwort zu geben.

Vielleicht ist es aber einfacher, sich von der anderen Seite zu nähern.

Zu fragen: wozu will ich nicht hier sein?

Da fällt mir schon mehr ein: für Hass. Gewalt. Zerstörung. Verachtung. Leid.

Wenn ich das weiterdenke, könnte ich auch sagen: ich will dazu da sein, all das möglichst zu verhindern. Zumindest in meinem direkten Umfeld. In meinem Alltag. Mit dem, wie ich mich verhalte.

Wie ich andern Lebewesen gegenüber trete. Wie ich mich ihnen gegenüber verhalte. Was ich tue. Wie und was ich konsumiere.

Damit komme ich dem Ziel näher, keinen Schaden anzurichten.

Aber könnte ich vielleicht auch darüber hinaus gehen?

Also nicht nur, keinen Schaden anzurichten. Sondern auch etwas Positives bewirken?

In den letzten Jahren habe ich versucht, genau das mit Umweltpädagogik zu bewirken. Nur war mir vieles davon zu abstrakt. Zu weit von der Realität der mir anvertrauten Kinder entfernt.

Ich habe außerdem gedacht, ich könnte damit etwas bewirken, Potenziale für erneuerbare Energien auszurechnen und aufzuzeigen. Um an einer Welt mitzuarbeiten, in der wir ein kleines bisschen weniger von fossilen Rohstoffen und großen Konzernen abhängig sind. Musste aber feststellen, nicht nur dabei, sondern auch drumherum, dass ein Großteil dieser Arbeit im Nichts verpufft. Weil es andere Prioritäten gibt. Weil andere damit zufrieden sind, ihren Namen auf der Publikation zu lesen. Nicht mehr, nicht weniger.

Und das war’s dann.

Also entschloss ich mich dazu, dieser Welt ein ganzes Stück weit den Rücken zuzukehren. Zumindest für den Moment.

Mich mehr auf das zu besinnen, was in mir ist. Statt andere bekehren zu wollen.

Und ich kam zu dem Schluss, dass ich auf einem Hof in den Bergen leben möchte. Nicht als Aussteiger oder Einsiedler. Aber schon so, dass der Ort ein Rückzugsort für mich sein kann.

Aber auch ein Ort, an dem ich etwas Positives aufbauen kann. Eine harmonische, essbare Landschaft. Nah am Natürlichen. Nah an den Grundbedürfnissen. Für mich das „echte“, „wahre“.

Selbstversorgung. Kreativität. Leidenschaft. Natur.

Ein Ort, der besucht werden kann. An dem man sich inspirieren lassen kann. Aber nicht muss.

Und dort will ich für mich sorgen.

Für meine Familie.

Für die Menschen um mich herum.

Mit den leckersten Tomaten. Den wunderbarsten Kürbissen.

Mit selbstgemachten Leckereien.

Mit Kräutern, Salben und Ölen.

An einem Ort, der weit ist. Wild. Schön. Nicht ohne Leid. Aber voller Leben.

Dort will ich für mich und für andere Verantwortung übernehmen. Anstatt blind Produkten und Markennamen zu vertrauen.

Vor kurzem habe ich mich dazu entschlossen, mich nicht nur mit allerlei Selbstversorgerischem zu beschäftigen, sondern auch intensiv mit Heilkunde. Ich habe eine Ausbildung zur Heilpraktikerin angefangen. Möchte mich auf Phytotherapie und Hypnotherapie spezialisieren.

Weil es für mich kaum eine wunderbarere Vorstellung gibt, als die Fähigkeit zu besitzen, Leid zu lindern.

Leid ist unvermeidlich auf dieser Welt.

Die Frage ist, wie wir damit umgehen.

Versuchen wir’s auf die harte Tour? Mit krassen, synthetischen Medikamenten?

Zumindest für eine Weile ist das effektiv.

Aber dann werden Keime plötzlich resistent. Multiresistent. Und die Schmerzmittel verursachen Magenprobleme.

Immer wieder habe ich die auch so. Bei mir scheinen Sorgen direkt im Magen zu landen, wo sie sich mit Schmerzen bemerkbar machen.

An Sorgen habe ich eine ganze Menge.

Geld. Krieg. Hass. Rassisten. Wut. Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen – ob berechtigterweise oder nicht.

Angst, alles zu verlieren. Angst, irgendwann so viel zu bereuen. Angst, etwas falsch zu machen.

Wenn ich mir nun etwas wünschen könnte, dann wäre es Mut. Denn was bringt es mir, selbst immer von allem Leid verschont zu bleiben, wenn ich es doch jeden Tag um mich herum sehe?

Und wenn ich mich also frage, wozu ich hier sein will, dann ist es auch genau das:

um mutig zu sein.

Für mich. Für andere. Für Frieden (der alles andere als selbstverständlich ist). Gerechtigkeit. Für Menschen, die sich selbst nicht wehren können.

Aber auch mutig genug, Wege zu gehen, über die andere den Kopf schütteln – weil ich sie für richtig und notwendig halte.

Weil es Mut ist, der so oft fehlt.

Und weil Mut einen so wichtigen Unterschied machen kann.

Denn wenn ich nun ja eh schon hier bin, dann will ich weder etwas schlechtes noch gar nichts bewirken. Sondern das Beste geben, das ich habe.

Um doch – irgendwie – ein bisschen – wenn’s denn sein soll – etwas Positives zu bewirken.



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