Wie ich meine Leidenschaft fand – und genau das Gegenteil tat

Ich wollte die Welt retten. Und in dieser Mission habe ich mich komplett selbst vergessen. Sechs Jahre brauchte ich für diese Erkenntnis und mehr als ein Mal hätte ich mich am liebsten verkrochen und aufgegeben.

Aber fangen wir vorne an:

Ich stamme aus einer Bauernfamilie. Meine Großeltern waren Landwirte, gaben aber die Landwirtschaft auf als ich noch ganz klein war. Ich erinnere mich daran, wie fasziniert ich vor allem von den Hühnern war, ans Traktor fahren und an den Kuhstall, zu dem es einen direkten Zugang vom Haus gab.

Die Generation danach suchte ihr Glück in verschiedensten Ausbildungsberufen. Und seit ich mich erinnern kann war immer klar: ich würde die erste in der Familie sein, die studiert.

Ich freute mich irrsinnigst darauf. Auf den Austausch mit klugen, interessanten Menschen. Doch während ich so vor mich hin erwachsen wurde, dämmerte mir bald, dass meine Erwartungen weit weg von der Realität waren. Dass mich an der Uni keine interessanteren Menschen erwarten würden als in der Schule – sondern genau die selben. Was ich über das Studieren nach der Bolognareform hörte, bestätigte das nur noch.

Auch auf die Schule hatte ich mich gefreut. Doch statt um eigene Ideen ging es darum, die anderer auswendig zu lernen. Eine große Enttäuschung!

Ich hatte mit drei Jahren angefangen zu lesen und zu schreiben, war mit fünf in einer Literaturwerkstatt und träumte davon, große, wichtige Bücher zu schreiben. Aber schon kurz nach dem Beginn der Schulzeit verliert sich für mich die Spur des Schreibens zum großen Teil. Die meisten Gedichte und Geschichten stammen von davor. Nur einzelne Songtexte und Bruchstücke nie vollendeter Bücher verbinden das schreibende Damals mit dem Heute.

Während ich mir lange sicher war, etwas künstlerisches oder geisteswissenschaftliches zu studieren, begann ich auch daran zu zweifeln. Nicht nur, dass ich nicht mehr an die Uni glaubte, mir wurde auch bewusst, dass es dringenderes auf der Welt gab als Kunst.

Ich suchte nach etwas Sinnvollem, nach dem perfekten Beruf. Nach einem Beruf, der nicht egoistisch und nutzlos für die Welt war – wie Schreiben und Musik – sondern einem, der wirklich etwas bewirkte. Der etwas entscheidend veränderte.

Ich fragte mich, was in der Welt um mich herum gebraucht wurde. Ich wollte nicht so egoistisch sein, noch mehr Bücher oder Musik in den ohnehin schon vorhandenen Überfluss zu stopfen.

In der Schule hatte ich viel Zeit, meine Gedanken irgendwohin wandern zu lassen, während dort Gedichte interpretiert oder Vokabeln runter gebetet wurden. Also spielte ich vieles gedanklich durch, was ich tun könnte. Das meiste schien mir zunächst interessant, dann aber nicht auf Dauer spannend. Ich wollte nichts anfangen, bei dem ich irgendwann “ausgelernt” haben würde und alles wissen konnte.

Nachdem ich durch die Schule immer irgendwie so durch gerutscht war, wollte ich etwas, das mich herausforderte. Alles andere fühlte sich zu leicht, zu unwirklich an.

Lieber wollte ich eines der großen Menschheitsprobleme angehen. Zum Beispiel mich um Kinder kümmern, die sonst niemanden haben – aber wenn ich Pädagogik studierte, was sollte ich ihnen von der Welt draußen erzählen? Naturwissenschaften faszinierten mich und darüber konnte man nie genug wissen. Also erst das und dann die Kinder.

Dann sah ich den Film „Eine unbequeme Wahrheit“ und mir wurde klar, wo ich dringend gebraucht wurde. Klimawandel, Hitze, Wasserknappheit, Eiszeit. Aber um mich herum waren alle ruhig. Keiner schrie und rannte und tat alles, um etwas dagegen zu tun.

Als ich noch mitten in den Überlegungen dazu steckte, was genau ich dagegen tun konnte, was ich studieren könnte, bewarb ich mich spontan bei einer nahe gelegenen Hochschule für das Fach Energiesysteme. Sowohl Physik als auch die Idee hinter den erneuerbaren Energien faszinierten mich. Mit meinen miesen Mathenoten rechnete ich aber nicht damit, dort angenommen zu werden. Ich hatte mich ja mit den anderen Optionen auch noch kaum beschäftigt. Aber offenbar bekam die Hochschule erst gar nicht genug Studenten und ich bekam eine Zusage.

Ich hatte mir für meine Verhältnisse noch lange nicht genügend den Kopf darüber zerbrochen, ob das wohl wirklich und definitiv das Richtige für mich war, aber es sprach auch nichts dagegen, einfach mal hin zu gehen.

Und das tat ich dann vier Jahre lang. Es war interessant, es war schön, es war cool. Wenn ich mich mit „Ich studiere Energietechnik“ vorstellte erntete ich beeindruckte Kommentare wie „Oh wow, echt?“ oder „Das wird heute ja gebraucht!“

Ich wurde offiziell Ingenieurin. Aber nie fühlte sich das nach mir an.

Heimlich ärgerte ich mich über andere Leute, die unnützes Zeug studierten und taten, weil sie es „halt interessierte“.

Egoisten! Pure Egoisten! Jedes Jahr wurde die Erde ein Stück wärmer, jedes Jahr schmolzen die Gletscher ein wenig mehr. Der Meeresspiegel stieg. Und die machten irgendwas mit Medien oder Mode.

Ich schrieb noch seltener. Ich machte nur noch sporadisch Musik. Ich hörte auch immer weniger Musik, denn es tat irgendwie weh… Ich wollte das auch tun dürfen. Ich wollte auch gerne so egoistisch sein können und einfach das tun, was mir Freude macht.

Scheiß auf die andern! Scheiß auf Klimwandel, Plastik im Meer und Bodenerosion und überhaupt! Aber das ging halt nicht.

Wären die Umstände anders, würde ich…“ dachte ich oft.

In all der Zeit hatte ich aber immer ein heimliches Bildvor Augen.

Ein Bild von der Zukunft. Einer Zukunft, die zwar noch ein ganzes Stück weit weg war, von der ich mir aber ganz sicher war, dass sie irgendwann Realität werden würde.

Aber ich ging keinen einzigen Schritt in die Richtung dieser Zukunft. Ich stellte mir immer nur das Ziel vor, nie aber den Weg.

 

 

In meinem heimlichen Bild wohne ich in einem Haus in rauer Natur. Freunde wohnen in der Nähe. Ich verbringe meinen Tag sehr ruhig. Ich schreibe viel, meine eigenen Geschichten und Gedanken. Hin und wieder fahre ich in andere Städte und Länder und erzähle von meinen Büchern und Artikeln, von den Gedanken und diskutiere darüber mit anderen. Ab und zu mache ich Musik, kleine Konzerte am Abend oder am Mittag auf der Straße. Wir leben viel von der Selbstversorgung: ein großer Garten, Wald, Tiere. Und es bleibt genug Zeit um gemütlich zusammen zu sitzen, draußen oder vor dem Feuer im Haus.

Bild: N. Wahl

 

 

Dieses Bild wuchs im Lauf der Zeit immer weiter. Details kamen dazu. Ein See. Kinder. Nur ganz wenigen erzählte ich davon.

Das Bild war immer da und ich freute mich darüber. Es beruhigte mich. Eines Tages würde es so sein. Da war ich tief in mir drin ganz sicher.

Ich liebte dieses Bild von der anderen Zukunft. Von meiner Zukunft, in der ich nicht ein anderes Problem zu lösen hatte.

Doch jetzt, in dieser Realität, folgte ich anderen Glaubenssätzen.

Denn erst mal war Welt retten angesagt. Und in der Theorie war ich schon mal ganz gut.

Das Studium ging dem Ende zu und ich begann Stellenanzeigen zu wälzen. Kein fixer Job bot mir die Möglichkeit das auszuprobieren, was ich wollte.

In mir loderte noch etwas das mir sagte „Du hast zwar Ingenieurwissenschaft studiert, aber deshalb musst du noch lange nicht in ein Ingenieurbüro sitzen. Geh raus in die Welt. Da sind doch immer noch die Kinder! Und schreib endlich mal wieder, verdammt nochmal!“

Also machte ich mich selbständig, was mich auf gewisse Weise heute noch überrascht und was wohl mit meine Rettung war aus diesem fremden Leben.

Das war vor zwei Jahren. Ich besann mich auf das zurück, was ich vor dem Studium tun wollte (was mit Kindern und Jugendlichen) und begann im Bereich der Umweltbildung zu arbeiten. Selbst zum Schreiben kam ich ein bisschen zurück und versuchte mich im Fachjournalismus.

Doch das große Ganze fühlte sich noch immer nicht gut an.

Ich arbeitete vor allem mit Schulklassen, die selbst lieber wo ganz anders gewesen wären. Wo ich überzeugt davon war, dass zum Lernen eine persönliche Beziehung gehört, war ich nach zwei Stunden wieder weg. 

Ich schrieb wieder. Aber ich schrieb über die Ideen anderer Leute und behielt meine für mich. Ich hatte es mittlerweile zu einer ausgewachsenen Schreibblockade gebracht. Ich hatte so lange nicht geschrieben, jetzt musste es – wenn schon denn schon – perfekt sein.

Ich quälte mich. Geld musste ja auch her und ich wollte mir selbst beweisen, dass ich das hin bekam. Ich war noch nicht gut darin einzuschätzen, wie viel Zeit ich wofür brauchte. Also nahm ich zu viele Aufträge an. Schlief schlecht. Arbeitete total übermüdet. Verschlief zwei Mal. Kam an anderer Stelle zu spät, weil ich kaum mit den Vorbereitungen fertig wurde. Lieferte minderwertige Ergebnisse.

Aber ich verdiente auch genug. So viel genug, dass es mir Mitte 2014 endlich für eine Pause reichte. Mehr durch Zufall kam es dazu, dass ich den Sommer auf einem Selbstversorger-Hof verbrachte.

Schon in den Monaten davor keimte in mir die Idee davon, mich deutlich weniger darum zu kümmern, dass andere das “Richtige” tun (Energie sparen, Bio essen, Plastik vermeiden…) und mich mehr darauf zu konzentrieren, selbst meinen eigenen hohen Öko-Ansprüchen zu genügen. Ich wollte “Welt retten” nicht mehr als Beruf sondern als Lebenseinstellung.

Auf dem Hof hatte ich schließlich Zeit und Gelegenheit dazu, meine eigene Geschichte zurück zu verfolgen.

Ich begriff, dass viele der Gedanken in meinem Kopf nicht meine eigenen waren.

Ich lebte ein fremdes Leben! Irgendwo da draußen wartete mein eigenes auf mich. Wahrscheinlich weinte es sogar ein bisschen und wollte endlich in den Arm genommen werden!

Was war in den letzten sechs Jahren passiert? Warum hatte ich getan, was ich getan hatte? Was war aus den Ideen und Träumen der Schulzeit geworden? Und wie passte das alles zusammen?

Weit weg von zuhause und von allem, was mich die letzten Monate beschäftigt hatte, schaffte ich es Stück für Stück, wieder meine eigene Stimme mehr zu hören.

Wobei bekam ich Bauchkribbeln? Was würde ich tun, wenn ich es mir wirklich und ehrlich aussuchen konnte? Wie würde ich mich anderen vorstellen, damit es sich nach mir anfühlte?

Zwei Monate in der Fremde gingen vorüber. Während ich weit weg riesen Schritte ging, wurde zurück zuhause alles zäher. Ich drohte, an Altem kleben zu bleiben und nur notdürftig zu flicken anstatt von Grund auf neu aufzubauen. Immer wieder überkam mich große Traurigkeit. Und irgendwann musste ja auch mal wieder Geld her… 

Doch der Wunsch nach meinem eigenen Leben war auch enorm gewachsen. So schnell würde ich mir das nicht mehr nehmen lassen. Ich lernte, immer klarere Schnitte zu machen. Und Schritt für Schritt zu gehen, anstatt mir große Sprünge zu überlegen.

An diesem Punkt stehe ich jetzt.

Ich habe nicht vor, mich über die letzten sechs Jahre ärgern, gar über die Schulzeit noch mit dazu. Denn ich wurde dadurch, wer ich heute bin, habe deutlich erfahren, was ich nicht will und dabei viel gelernt.

Ich habe lange auf eine Zukunft gewartet, die durch Warten nie entstehen würde – weil sie mir selbstverständlich vor kam. Jetzt gehe ich wirklich in die Richtung meiner Träume.

Es ist nicht so, dass ich meine eigene innere Stimme neben denen anderer überhaupt nicht mehr gehört hätte, aber ich habe sie nicht ernst genug genommen. Habe das Sollen höher als das Wollen gewertet.

Aber neue Wege entstehen erst dadurch, dass man sie geht – und wenn es “nur” ein (kleiner) Schritt jeden Tag ist.

Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und gewohnte Wege zu verlassen hat etwas beängstigendes.

Aber ich seh’s inzwischen so: wenn es schief geht, kann ich immer noch in größtmöglicher Würde scheitern und danach ein Buch darüber schreiben.

Solange ich auf meine innere Stimme höre, mich selbst und meine Bedürfnisse ernst nehme, wird schon – irgendwie – alles gut werden.

 



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6 Kommentare zu “Wie ich meine Leidenschaft fand – und genau das Gegenteil tat

  1. Liebe Nadine, das liest sich sehr gut und ich werde dabei gleich ein bisschen lebendiger. Und ich glaube, es geht vielen von uns so, die alte Gewohnheit des ‚Müssens‘ sitzt so tief, dass sie oft lauter ist als das zutiefst Eigene. Aber der Weg und die inneren und äußeren Kämpfe auf dem Weg lohnen sich, auch wenn es streckenweise nicht so aussieht und sich auch bescheiden anfühlt. Sie lohnen sich auf so vielen Ebenen, eigenen und kollektiven. Es macht wirklich kein Sinn, ewig weiterzumachen mit etwas, dass die Energie eher erschöpft oder an alte Paradigmen bindet und damit die so schnell vergehende Lebenszeit zu verschwenden.
    Vielen Dank für den diesen Artikel

    • Liebe Liv, das ist schön zu lesen! Und du hast wohl recht… je tiefer soetwas sitzt, je fester es einprogrammiert ist… desto schwieriger, sich davon zu lösen. Aber auch: desto schöner! Danke für deinen Kommentar dazu und Dir einen wunderbaren Tag!

  2. Liebe Nadine, du beschreibst es so schon lebensnah, wie es passieren kann, dass man von seinem Weg abkommt. Und eines Tages fragt man sich, wie man da hinkommen konnte?
    Ich merke, was mir am meisten im Weg steht, ist die Überzeugung, dass ich das, was ich will, sowieso nicht bekomme und mich gar nicht erst darum bemühen brauche.
    Ich bin gespannt, wie es für dich weitergeht 🙂

    Kendra

    • Liebe Kendra, wenn ich mir deine Webseite so ansehe, scheinst Du in einem Bereich ja schon mal bekommen zu haben, was du möchtest. Da werden die anderen Bereiche sicherlich folgen! 😉 Und immer mal wieder merkt man ja auch – natürlich erst viel später – dass es bei manchem doch besser war, es nicht bekommen zu haben. Dankeschön für deinen Kommentar! 🙂

  3. Liebe Nadine,

    ich glaube, ich treffe bei dir auf eine verwandte Seele 🙂
    Früher dachte ich immer, allein mit dieser Thematik zu sein, aber seit ich mich damit ans Licht der Öffentlichkeit gewagt habe, treffe ich immer mehr wunderbare Menschen, die einen ähnlichen Weg gegen die innere Stimme gegangen sind und es dann doch gewagt haben, ihren Träumen zu folgen.
    Ich glaube übrigens nicht, dass du scheitern kannst. Nicht wirklich. Seit ich meinen ’neuen‘ Weg begonnen habe, bin ich schon einige Male auf die Nase gefallen und dachte: ‚Oh Gott, jetzt ist es aus.‘ Aber es ging immer weiter, wurde immer persönlicher, immer mehr ‚Ich selbst‘.
    Die Zweifel kommen immer mal wieder zu Besuch vorbei, aber die haben keine Chance mehr. 🙂

    Alles Gute,
    Marie

    Und da ich ja einen extrem ähnlichen Artikel geschrieben habe, der zeigt, dass du damit nicht alleine bist, verlinke ich ihn mal hier:
    http://schwellentroll.de/mein-weg-als-schattenkuenstler/

  4. Liebe Nadine,
    ich kann richtig gut nachvollziehen, was dir so in den Jahren durch den Kopf gegangen ist. Die innere Stimme brüllt einen regelrecht an, aber man fügt sich und passt sich immer mehr an. Auch ich habe jahrelang meinen Wunsch zu schreiben unterdrückt, mal kurzfristig wieder aufleben lassen und ihn wieder in die Ecke gepackt. Jetzt weiß ich, dass ich das machen will und tue es einfach. Aber da gibt es noch die andere Seite, das handwerkliche, künstlerische, das sich jetzt wieder Bahn bricht und mich meine Lebendigkeit spüren lässt. Und jetzt weiß ich, es darf beides sein. Ich muss mich nicht für nur einen Weg entscheiden, ich darf und muss ALLES leben, was in mir ist. Und wie du glaube ich auch daran, dass sich erst dann der wirkliche Weg und auch der Erfolg einstellen kann!
    LG
    Sybille

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