Respekt vor dem Leben

Es war nicht das erste Mal, dass ich Aufnahmen aus einem Schlachthaus sah. Nur diesmal war irgendwas anders. Ich weinte.

Aber ich weinte nicht über den Tod.

Tod ist alltäglich. Jeden Tag laufen wir an ihm vorbei. An der Metzgerei. Der Hähnchenbraterei. Dem Kühlregal. Dem Gummibärchen- und dem Weinregal.

Tod erschreckt mich nicht mehr.

Worüber ich hingegen weinte, war die Masse an früherem Leben, die, anonym und lieblos an Haken aufgereiht, durch eine sterile Halle baumelte und desinteressiert auseinander genommen wurde.

Ich weinte über die Kälte in den Augen der Schlachter. Über ihre Gleichgültigkeit. Über die Anonymität des ganzen Prozesses.

Daran wollte ich keinen Anteil haben. Für mich sollte kein Lebewesen auf diese Weise enden. Nach einem Leben in trister Gefangenschaft und Lieblosigkeit. Ohne Familie. Ohne Freundschaft. Als Produkt. Und als Kapital.

Und in den Jahren darauf rührte ich kein einziges Stück Fleisch mehr an.

Die erstaunlichste Veränderung dabei war die, wie sich mein Blick in die Augen von jeglichen Tieren änderte. Die Fronten waren geklärt: von mir war keine Gefahr zu erwarten. Mein Gewissen war rein. Ich gehörte zu den Guten.

Ich fing an, mich mit vegetarischer Ernährung auseinanderzusetzen. Konnte mir dadurch etwas fehlen? Aber nein, Entwarnung. Erst wenn ich auch anderes Tierisches weg ließe, müsste ich mich darum sorgen. So stieß ich auf Veganismus.

Recherchiert man darüber, findet man viele Vorurteile. Und noch mehr Befürworter, die fleißig dabei sind, diese Vorurteile zu entkräften. Am beliebtesten, wohl da am spaßigsten: der Geschmack. Die Botschaft: vegan schmeckt. Massenhaft Kochbücher und Blogs beweisen es. Ich stimme zu.

Ein anderes beliebtes Thema ist Gesundheit. Weniger Cholesterin. Weniger Antibiotika. Und den Mangel an Vitamin B12 kann man super supplementieren – durch Tabletten, Pulver oder Zusätze im Saft. Aber Moment mal? Mangel?

Hier schrillten bei mir die Alarmglocken ganz gewaltig.

Ich fragte bei einigen Veganern nach, die schon länger so lebten. Auch sie nahmen eben Tabletten. Dass aber ihr Lebensstil ohne künstlich hergestellte Nahrungsergänzungsmittel gar nicht überlebenstauglich wäre, interessierte sie nicht. Viele nahmen auch einfach vorsichtshalber Vitaminmischungen zu sich. Denn ein Mangel an Vitamin B12 ist nicht zu unterschätzen sondern kann richtig böse enden – neuronale Schäden, Lähmungen, Tod. Vorbeugung ist unverzichtbar, denn sobald man es selbst merkt, ist es eigentlich schon zu spät. Erwachsene können zwar Vitamin B12 über mehrere Jahre speichern, kritisch wird es aber in jedem Fall ohne Supplementation nach dieser Zeit, bei Schwangerschaften oder beim Stillen auch für das Kind, dessen Speicher das noch nicht leisten kann.

Ich aber fragte mich: kann eine Ernährung, die so einen großen Mangel verursacht, jemals wirklich gesund oder irgendwie „natürlich“ sein?

Und wenn Vegetarismus im Vergleich zum Veganismus eigentlich nicht für ein moralisch gutes Leben reicht, war dann vielleicht keines davon die Lösung?

Blieb mir überhaupt etwas anderes, als mich meiner carnivorischen Abstammung und Umgebung anzupassen, wenn ich das naturgemäß Richtige tun wollte?

Dazu kommt: viele der Probleme, die Vegetarismus und Veganismus zu lösen versuchen, beruhen nicht rein auf den Dingen selbst, sondern mit auf Systemfehlern.

SchnuckelchenEs ist nicht zwingend notwendig, Kälber und Mutterkühe den ganzen Tag voneinander zu trennen (was für beide nicht weniger schlimm sein dürfte, als wenn man das mit uns Menschen machen würde), um an die Milch zu kommen. Es ist auch nicht nötig, reine Lege- und Fleischhühner zu züchten und jeweils entweder die männlichen oder die weiblichen Küken direkt zu töten.

Solche Praktiken sind dafür da, Ausbeute und Profit zu erhöhen. Effizienz – sowohl für konventionelle, als auch für biologische Landwirte. Aber gehen tut es auch anders. Von der großen Industrie ist das nur nicht zu erwarten…

Vegetarismus, Veganismus und andere Ernährungsformen sind damit auch Ausdruck unserer entfremdeten Welt und Wahrnehmung. Ausdruck eines Mangels an Alternativen. Und, auch wenn’s weh tut das einzusehen: der Bequemlichkeit. Wer kennt schon den Gärtner oder den Landwirt, von dem er über den Supermarkt seine Produkte kauft? Die meisten von uns leben heute weit weg von den Orten, an denen das Futter für unsere Grundbedürfnisse entsteht.

Und wer weiß denn, was sein Körper überhaupt braucht? Hören nicht die meisten mehr auf den Kopf, auf Bücher und Experten, Trends und Diäten anstatt auf Bauch und Gefühl? Wo ist das Bauchgefühl geblieben?

Dafür haben wir eine große Menge an Zeit, Gelegenheit und Möglichkeiten, um zu lesen und nachzudenken. Wir mögen entfremdet sein, aber nicht herzlos.

Also informieren wir uns. Lesen Buch um Buch und Blog um Blog.

Nur wird es dadurch nicht leichter. Auch Rohkost und Paleo liefern überzeugende Argumente. Manche Theorien bestätigen einander, andere widersprechen sich. Und für jede findet man Befürworter, Gegner und Unentschlossene. Überall gibt es Argumente und Gegenargumente.

Je weiter wir uns hinein lesen, desto verworrener wird es. Reißerische Titel und betonte Teilwahrheiten helfen nur bedingt.

Allerspätestens wenn wir erfahren, dass selbst die Grenze zwischen Tier und Pflanze nicht eindeutig ist, dass es Pflanzen gibt, die zu Tieren werden und andersrum, dass Pflanzen auch kommunizieren und irgendwelche „Gefühle“ haben, dass sie ihre Mitpflanzen warnen und sich gegen hungrige Tiere (wie uns) wehren können, wird es unheimlich.

Ist es nicht nur unmoralisch Tiere zu essen, sondern auch Pflanzen? Lebewesen im Allgemeinen?

Selbst wenn manche Menschen von sich behaupten, sich von sogenannter Lichtnahrung (also im Grunde wie photosynthesebetreibende Pflanzen) ernähren zu können: für die meisten von uns ist das ein eher unrealistischer Weg.

Wir müssen Leben zerstören, um am Leben zu bleiben. Destruktion und Konstruktion.

Nur welches Leben? Ist Leben unterschiedlich viel Wert?

Hat ein Hund mehr Recht auf Leben als ein Schwein und das Schwein immerhin mehr als Spinat?

Ist es besser, einer Kuh das Leben zu nehmen als drei Schweinen? Lieber zehn Hühnern als hundert Fischen?

Oder sollten wir nur das essen, was kognitiv möglichst wenig entwickelt ist? Uns als Menschen möglichst unähnlich? Oder zumindest möglichst wenig niedlich?

Und wie bekommen wir dabei noch alle nötigen Vitamine und Mineralstoffe zusammen, die wir tatsächlich zum Leben brauchen?

Solche Fragen sind uralt. Und trotzdem bis heute nicht zufriedenstellend beantwortet.

Mir scheint inzwischen jedoch die Lösung nicht in Büchern oder überhaupt in der Meinung anderer zu liegen. Sondern tief in mir drin. Dort, wo meine ureigene Intuition steckt. Mein Gefühl für das, was ich als Mensch brauche, um zu leben.

So wie es aussieht, gehört Fleisch dazu und damit Tod und Zerstörung. Denn ich bin nicht der einzige (ehemalige) Nicht-Fleisch-Esser, dessen Bedürfnis nach Fleisch irgendwann auftauchte und mit der Zeit des Verzichts nur immer weiter anwuchs. Auch wenn ich sonst nicht das Gefühl gehabt hätte, dass mir irgendetwas fehlen würde.

Und so suche ich meine Wahrheit und die Antwort auf meine Bedürfnisse in der Annäherung an die Natur. An die tierische genau wie die pflanzliche. Und an die dazwischen.

Im Respekt für alles was lebt und alles was ist – nicht nur für Tiere.

Und ich suche sie in mir drin. In meiner Intuition. Auch wenn die vielleicht nie ganz ungetrübt sein kann von Moral und Wissen.

Aber immerhin, ich suche. Und glaube nicht zu wissen, was man aus Büchern heraus nicht wissen kann.

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Noch nicht mal, ob Schokolade wirklich so lecker ist – oder nur das Zuckerchaos in meinen Neuronen.



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2 Kommentare zu “Respekt vor dem Leben

  1. Schönes Stück Nadine. Ich bin Vegetarier seit 35 Jahren und das passt mir gut. Vegan (noch) nicht jedoch beschränke ich es auf ein Ei (B12) hie und da.
    Grüße, John (sorry für mein schlechtes Deutsch)

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