Ein Hoch auf das einfache Leben (eine Vision)

Müde, aber von Krawall, lautem Maunzen und dem Ellbogen, der mich von der Seite stupft, geweckt, steige ich aus dem Bett. Im Halbdunkel taste ich mich in Richtung Badezimmer und versuche, dabei nicht über die beiden Kater zu stolpern, die mir immer wieder zwischen den Beinen herum laufen.

„Ihr bekommt ja gleich was“ versichere ich ihnen und verschwinde im Bad. Ich lasse das Quellwasser einen Moment lang laufen, das aus unserem Wasserhahn sprudelt, bis es richtig kalt ist. Ich wasche mir das Gesicht, trockne mich kurz ab und halte mein Glas unter den Wasserstrahl. In großen Zügen leere ich es komplett.

Jetzt fühle ich mich wacher. Und kann mich um die Katzen kümmern, ohne aus lauter Müdigkeit ihr Futter im Kühlschrank mit den eingemachten Tomaten zu verwechseln. Die Miniaturlöwen schnurren und streichen mir um die Beine. Schließlich schmatzen sie zufrieden.

Ich ziehe mir die Gummistiefel über und gehe nach draußen, wo mein Gefährte schon die Schafe im Stall mit Heu versorgt. Der Duft des getrockneten Grases steigt mir in die Nase und erinnert mich an den sonnigen Tag im letzten Jahr, als wir beide mit der Sense am Hang standen und Schwung um Schwung den Wintervorrat für unsere Hoftiere schnitten.

Zwei Schafe auf einer Weide.

Einfach bezaubernd: Schafe.

Ich fülle die Trinkeimer für unsere Schafe mit dem selben Quellwasser, das auch ich vor wenigen Minuten getrunken habe. Im Stall herrscht eine besondere Ruhe. Die Tiere sind ganz mit ihrem Frühstück beschäftigt. Einen Moment lang beobachte ich sie, wie sie zusammen da stehen, vier Damen und ein Bock im einen Teil des Stalls. Im zweiten, abgetrennten Part sind unsere fünf Lämmer.

Über Nacht trennen wir sie von ihren Müttern. Nur ein paar Zentimeter Holz liegen zwischen den Kindern und ihren Eltern. Am Anfang war die Empörung groß, aber inzwischen wissen sie, dass nichts für immer ist und dass auf Trennung immer wieder großes Wiedersehen folgt. Denn an jedem frühen Morgen nehmen wir zuerst für uns einen kleinen Teil der Milch. Und dann darf unsere Schafherde den restlichen Tag zusammen auf den Weiden verbringen.
Ganz bewusst haben wir uns für diesen Ansatz entschieden, der weit entfernt ist vom frühen und kompletten Trennen von Müttern und Kindern in der sogenannten „konventionellen“ Landwirtschaft. Wir sehen unsere Tiere als Nutzen für uns – aber es soll kein Ausnutzen sein sondern ein Geben und Nehmen.

Wir sorgen dafür, dass sie ein ruhiges, sicheres und sattes Leben haben, haben ihnen schützende Ställe gebaut und schneiden jeden Sommer Unmengen an Gras. Wir sind bei ihnen, wenn sie sich verletzt haben und versorgen ihre Wunden mit Wickeln aus wilden Heilpflanzen. Im Gegenzug nehmen wir einen Teil ihrer Milch und in jedem Frühjahr ihre wunderbare Wolle. Und ja, manchmal auch ihr Fleisch.

Und auch an diesem Morgen, nachdem alle eine gute Portion Heu, etwas Gemüsereste und unsere selbst gesammelte Kräutermischung vor sich haben, fangen wir an zu melken. Einen Teil der Milch werden wir den Tag über roh trinken. Ein weiter Teil wird weiterverarbeitet zu Quark, Joghurt oder Frischkäse.

Schließlich sind die Eimer gefüllt und die Tore öffnen sich. Für einen Moment wird das Blöken laut, mit dem sich die Mütter und ihre Kinder zusammen finden. Dann, wenn sich alle wieder beruhigt haben, öffnen wir den Weg nach draußen. Den Rest des Tages verbringen unsere Schafe auf der Weide.

Und wir?

Zufrieden blicken wir auf unsere gefüllten Milcheimer, die wir am Hauseingang abstellen, so, dass die Katzen sich nicht darüber her machen können. Gleich werden wir uns die Milch zum Frühstück schmecken lassen.

Eier in einem Korb.

Einfach gut: frisch gesammelte Eier.

Aber vorher sind noch die Hühner und Enten zu versorgen. Wie wir in Richtung ihrer Ställle kommen, ist das Schnattern und Gackern schon von Außen zu hören. Aufgeregt watscheln und drängen sie durch die Tür, die wir ihnen öffnen, und machen sich über die Reste und Körner her, die wir mitgebracht haben. Auch sie werden den Tag draußen verbringen.

In der Zwischenzeit haben die Kater ihr kleines Frühstück beendet und sich auf nach draußen gemacht, um ihre nächste Mahlzeit selbst zu fangen. Noch immer ist es früher Morgen. Es ist März und so, wie die Tage wieder länger werden, so schiebt sich auch der Frühling langsam übers Land und bis zu uns hoch in die Berge. Ein feiner Nebel hängt über den Wiesen, die unseren kleinen Hof umgeben.

Im Moment sind wir alleine hier. Wir zwei und unsere Tiere. Nächste Woche bekommen wir Besuch von guten Freunden aus der alten Heimat. Und für die Woche darauf hat sich eine junge Frau aus Uruguay angekündigt, die einige Wochen bei uns auf dem Hof mit arbeiten will – im Gegenzug für gutes Essen und ein warmes, gemütliches Zimmer.

Für mich gehört genau das mit zum Schönsten an unserem Leben: der Besuch. Freunde, Verwandte und Besucher schätzen, wie urig, wie naturnah und ruhig es sich bei uns für einige Zeit leben lässt. Und wir schätzen ihre Gegenwart, ihre Geschichten, die Musik, die wir zusammen machen – und ihre helfenden Hände.

Natürlich kann es leicht einsam werden auf einem eher abgelegenen Hof. Aber statt einsam zu sein, ist es für uns manchmal doch die größere Herausforderung auch bewusst Zeiten nur für uns einzuplanen.

Schließlich setzten wir uns zusammen an unseren selbst gebauten Holztisch in der Küche. Auf dem Tisch stehen die ersten Frühjahrsblumen – wie schön es doch ist, sich ein bisschen von Draußen nach Drinnen zu holen – und aus dem Kühlschrank holen wir verschiedenste Leckereien, teils selbst gemacht, teils Geschenke, teils in der Umgebung bei befreundeten Bauern gekauft.

Brennende Kerze.

Einfach gemütlich: Kerzenlicht.

Ich zünde eine Kerze an, die wir im Winter aus Wachsresten gezogen haben. Einen Moment lang bleibt es still, während wir essen, dann besprechen wir, was für diesen Tag ansteht. Nach dem Frühstück werde ich mich für eine Weile hinsetzen und schreiben. Außerdem werde ich meine Mails checken und schauen, ob es neue Buchungen für unsere Gästezimmer oder Kurse gibt.

Was ich schreibe, wie viele Buchungen es gibt… ich weiß es nicht. Und ich habe nur bedingt Einfluss darauf. Aber das ist in Ordnung. Denn auch das ist ein Geschenk des einfachen Lebens: Vertrauen.

Es wird nie möglich sein zu wissen, was ein Jahr bringt. Wird es viele Schnecken geben? Wird es trocken? Oder regnet es das Frühjahr über durch? Wie viele Lämmer und Küken werden geboren – und wie viele davon überleben die ersten Monate?

Und obwohl es früher, weit vor diesem Leben, genau solche Ungewissheit war, die mich beinahe wahnsinnig gemacht hat, ist es jetzt normal. Denn ich kann nie mehr tun, als mein Bestes zu geben. Alles andere liegt in den Händen einer Kraft, die wir „Natur“ nennen. Und die ist unberechenbar.

Zum Glück.

Denn das hält mich davon ab, mir Sorgen zu machen, weit bevor ein Sorgengrund abzusehen ist.

Und so leben wir so gut es geht im Moment. Achtsam und aufmerksam.
Ein Hoch auf das einfache Leben.
—-
Anmerkung: dieser Text beruht nicht auf realen Begebenheiten sondern auf einer Vision, auf Wünschen und meinen Gedanken an eine mögliche Zukunft. Manches davon gibt es bereits (die Kater z.B.), aber an dem meisten anderen arbeiten wir im Moment, insbesondere an dem kleinen Hof und den andern Tieren.


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