Geständnisse einer Schwäbin

Von einer, die auszog, die schwäbische Arbeitsmoral hinter sich zu lassen

Es gibt sicherlich so manches, wegen dem meine schwäbische Oma stolz auf mich wäre: ich kann richtig gute (herzhafte) Dampfnudeln & Kässpätzle kochen, zartschmelzende Spitzbuben backen und liebe das Landleben und das Gärtnern. Bescheiden bin ich noch dazu (jedenfalls materiell gesehen), minimalistisch, sparsam und genau. Erbsenzählerisch genau sogar.

Soweit so mustergültig schwäbisch.

Aber gleichzeitig ist es auch kein Zufall, dass es mich inzwischen ins Badische verschlagen hat, nah an die Grenze zum Reich des Savoir-vivre. Dass mir die Badenser und die Pälzer sympathisch sind. Manchmal sogar symbadischer als die Schwaben.

Denn wovon ich kaum etwas abbekommen habe, ist die schwäbische Arbeitsmoral.

„Schaffa, schaffa, Häusle baua“, als gäb’s nichts anderes auf der Welt. Das war noch nie so meins.

Nicht, dass ich komplett arbeitsscheu wäre. Das sicher nicht.

Tatsächlich träume ich von einem Leben auf dem Bauernhof, mit Selbstversorgung, Tieren, Kochen, Backen, Feriengästen.

Mir gefällt das einfache Leben, es lacht mich an.

Ich habe oft das Gefühl, (unnötig) überfordert zu sein von der hektischen, abgestumpften, abstrakten Welt da draußen.

Deshalb faszinieren mich die banalen Dinge. Die Notwendigkeiten. Mist – zum Beispiel. Und was man daraus machen kann.

Auf jeden Fall nah dran am realen Leben, an den Grundbedürfnissen. Den Kopf und die Gedanken zur Ruhe kommen lassen.

Weil ich dann meine Gedanken viel abstrakter verspinnen kann, als wenn ich ständig nur am Reagieren wäre.

Meine Oma hatte ein ganz ähnliches Leben gelebt, auf dem Bauernhof. Schon als Kind musste sie körperlich hart arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen. Ein arbeitsreiches Leben, das sie schließlich früh krumm und ein wenig verbittert werden ließ.

Ich mochte sie trotzdem. Ihre Dampfnudeln sowieso.

Aber vieles, was sich in meiner schwäbischen Kindheit um mich herum abspielte, war mir weniger sympathisch.

Pünktlichkeit, Ordnung und Genauigkeit sind gute Eigenschaften – sofern man sie mit Maß einzusetzen weiß und nicht anderen, denen sie weniger leicht fallen, das Leben deswegen schwer macht.

Können Schwaben glücklich sein?

Die Kehrwoche – zum Beispiel – hat sicherlich ihre Berechtigung. Aber jede Woche einen fast sauberen Flur putzen, nur damit’s halt gemacht ist? Wie wäre es mit zweiwöchentlichen Kehrwochen?

Revolutionär, ich weiß.

Aber – und jetzt hört mir mal wirklich gut zu – man kann nicht nur Geld sparen – sondern auch Arbeit!

Was ist das denn eigentlich mit den Laubbläsern und Fugenkratzern?

Ernsthaft, das sind Gehwege! Da geht man drauf! Dafür braucht man doch keine moosfreien Fugen am Wegrand.

Müssen die Hemden wirklich immer hundertpro weiß sein?

Der Salat im Garten ordentlich in Reihen gepflanzt? Das Beet „unkrautfrei“?

Wie gesagt: ich liebe das einfache Leben. Die Arbeit.

Aber ich liebe es noch mehr, diese Arbeit zu vermeiden. Mir Strategien zu überlegen, wie ich es mir einfacher machen kann.

Unnötigkeiten zu vermeiden.

Lieber sieht mein Garten wilder aus, lieber ist das Beet nicht erdbraun sondern voller Mulch.

Lieber laufe ich nur einmal, riskiere alles fallen zu lassen – weil: s’goht jo doch.

Ja, ich bin oft faul.

Ich liege gerne rum. Wie die Katzen. Neben den Katzen. Mit Katze auf dem Schoß.

Und sinniere über die Welt und das Leben.

Und darüber, wie ich es mir und andern einfacher machen kann.

Aber dann merke ich wieder, wie schwer es mir fällt, still zu sitzen, nichts zu tun, weil doch tief in mir drin die kleine Schwäbische Haus- und Businessfrau sitzt und mir befiehlt, endlich „dr Arsch noch zum doa“.

Es ist nicht leicht, Schwabe zu sein.

Man wird belächelt. Und muss sich im Zug zufällig blöde badische Kommentare über seinen Dialekt anhören. Ähem.

Man findet keine Ruhe, weil man genau weiß, dass der Nachbar und die Familie immer gleich ganz genau wissen, was bei einem falsch läuft.

Und man kann nicht einfach mal so Kühltruhen-Spätzle kaufen… weil man halt doch weiß, dass die eigenen hundertmal besser schmecken.

Liebe Schwaben, ich liebe euch.

Ich liebe, wie pedantisch ihr seid. Wie zuverlässig. Und wie herzlich, wenn man euch die Zeit dazu gibt.

Aber lasst es doch auch mal etwas ruhiger angehn.

Lasst euch inspirieren von den Badnern, den Elsässern und den Schweizern, von denen ihr ohnehin umzingelt seid.

Freut euch des Lebens.

Und lasst uns zusammen Meister des Arbeit sparens werden, anstatt nur darauf bedacht zu sein, im Hamsterrad die meisten Runden zu laufen.

Bis ganz bald in der alten Heimat,

eure Nadine <3



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