­Freiheit ist scheiße

Über alte Zeiten – und neue

In letzter Zeit machen mich selbst kleinste Entscheidungen schier verrückt.

Soll ich ein Buch lesen oder lieber für meine Heilpraktiker-Ausbildung lernen? Zucchini-Lasagne… oder doch Salat zu Mittag? Kaffee oder Tee??? Blau oder Rot????

Ganz offensichtlich leide ich an einer Überdosis an Möglichkeiten – einem Mangel an Einschränkungen.

Zu viel Freiheit für mein einfaches, menschliches Gehirn.

Zwar kann ich manche Lebensoptionen für mich ausschließen (Superstartum, Politik), andere schließen sich durch äußere Bedingungen aus (Jetpilotin, Profi-Fußballerin).

Aber selbst dann bleibt immer noch so viel.

Soll ich es mir an einem Ort gemütlich machen?

Oder besser um die Welt reisen?

Kinder? Oder keine?

Reisen ja doch lieber vorher. Solange es noch unkompliziert ist.

Aber so langsam bin ich auch über die Mitte Zwanzig drüber.

Wenn dann also jetzt.

Doch zuhause ist es ja auch irgendwie schön.

Und jetzt wohnen wir grade erst seit kurzem auf einem alten Bauernhof. Da muss noch der Garten angelegt werden, die Möbel gebaut, … mit den Katzen geschmust…

Ich will ja auch noch so viel lernen.

Ich könnte weiter als Ingenieurin arbeiten. Oder als Naturpädagogin. Ich könnte Landwirtin werden, Nachhilfe geben, oder doch mich mit Straßenmusik verdingen?

Ein fester Job?

Neinnein! Auf keinen Fall.

Ich will mich ja nicht binden und mir von irgendwem sagen lassen, was ich dannunddann zu tun habe.

Ein eigener Hof? Zu teuer.

Und ich wüsste auch gar nicht, wo…

Allein Europa ist ja schon riesig. Und das war‘s ja noch nicht mal. Da gibt es auch noch dieses Amerika, Asien,… Nepal fand ich schon immer interessant und Neuseeland soll ja auch echt schön sein – und es gibt dort keine gefährlichen Tiere.

Oder doch bei den Schwaben, oder zumindest im Schwarzwald bleiben?

So viele Fragen.

Und die Uhr tickt.

Jaja. Mit Anfang Zwanzig hat man noch alle Zeit der Welt. Aber dann, wenn die Jahre vorüber gehen und man immer öfter denkt „Mama hat Ende Zwanzig schon die ersten grauen Haare bekommen“, dann hört man sie doch immer lauter: die Uhr.

Und meint, sich jetzt endlich mal entscheiden zu müssen.

Bis man merkt: mist, wenn ich mich für etwas entscheide, entscheide ich mich ja immer auch gegen etwas anderes.

Und man weiß genau, dass das doof ist.

Also überlegt man wieder in die andere Richtung.

Sieht irgendwo die Farbe Grau und steht wieder am Anfang.

Das gedankliche Hin-und-her-Gehüpfe kann schon gut ein paar Monate oder Jahre in Anspruch nehmen. Man wird nicht jünger. Und erwischt sich eines Tages dabei, im Spiegel den Haaransatz zu checken. Mit 26.

Verreist ist man immer noch nicht und wohnt auch noch immer da, wo man sich zwei Jahre vorher schon die gleichen Überlegungen gemacht hatte, wie heute.

Ist es vielleicht doch an der Zeit, „erwachsen“ zu werden?

Man fühlt sich ein bisschen betrogen von dem, was einem als jungem Menschen von der Welt draußen versprochen wurde. Man könne alles werden, hieß es, was man will. Doch das Entscheiden fällt schwer.

Denn es stimmt zwar schon irgendwie, wir können alles werden, aber eben nicht alles auf ein Mal.

Und wie Marina Weisband einmal schrieb: Wir sind als Generation enttäuscht, weil unsere Eltern uns damals, aus ihrem Wohlstand heraus, gesagt haben, wir können alles werden, was wir wollen. Es stimmt aber. Wir können alles werden, was wir wollen. Technisch gesehen haben sie nie behauptet, wir könnten Geld damit verdienen.“

Und dann erwische ich mich bei dem Gedanken daran, doch lieber 60, 70 Jahre früher geboren worden zu sein. Oder 100. Sagt man nicht eh, früher war alles besser?

Was wohl meine Oma dazu sagen würde…?

Von ihr gibt es einige Fotos aus dem Jahr 1937. Um diese Zeit herum, sah sie fast exakt so aus, wie ich in dem Alter.

Wenn ich sie anschaue, wird mir ein bisschen flau.

Es hätte auch genau andersrum sein können.

Meine Oma wäre 60 Jahre später geboren. Und ich entsprechend früher.

Da wären meine Entscheidungsmöglichkeiten deutlich überschaubarer gewesen.

Aber während ich mich heute über die Verstocktheit und Kreativitätlosigkeit der Schule ärgere, darüber wie viele gute Stunden und Jahre sie mir gestohlen hat, wurde sie nach nur wenigen Jahren davon zum Schilfstechen geschickt. Harte und belastende Arbeit.

Vielleicht hätte sie auch gerne gelesen, philosophiert und wollte verreisen. Ich kann sie leider nicht mehr fragen.

Während ich tausend Optionen habe, waren ihre überwiegend von Außen vorgegeben.

Sie wurde Bäuerin. Mutter. Oma. Großartige Köchin.

Und tatsächlich, vieles was für sie damals selbstverständlich war, suche ich mir heute ganz bewusst aus: ein Leben auf einem Bauernhof, Selbstversorgung, Familie.

Vielleicht war es für sie auch genau das, was sie wollte. Vielleicht aber auch nicht. Sie hätte wohl nicht viel daran ändern können.

Der Preis, den ich für meine riesige Wahlfreiheit zahlen muss, sind einige Jahre Suche, Frustration, Neuanfänge, das Wälzen vieler Bücher, Stunden um Stunden im Internet.

Aber immerhin habe ich eine Wahl.

Und die kann ich in ziemlich großer Sicherheit auch ausleben.

Kaum Zwänge. Kein Krieg. Keine Unterdrückung. Nicht mal Hunger. Kaum Gefahr in diesem Deutschland.

Und bisher nichts, was ich gewollt hätte, was mir mein Frausein verwehrt hätte.

Ich muss nicht erst flüchten oder mich verstecken, um so sein zu dürfen wie ich bin.

Ich kann es “einfach” sein. Solange ich mich vom Drumherum nicht verrückt machen lasse.

Und dann merke ich: es stimmt, Freiheit ist manchmal scheiße.

Aber, sind wir doch mal ehrlich: keine Freiheit ist richtig scheiße.

Also lasst uns ab und zu auch mal dankbar sein – und, vor allem: lasst uns auch anderen Freiheit zugestehen. Unabhängig von Alter, Herkunft, Geschlecht, Religion…

Nur eines sollten wir dabei nicht vergessen: die Freiheit des einen endet dort, wo die eines anderen beginnt.



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