Es wird ernst mit dem „echten“ Leben

Der Mietvertrag ist unterschrieben, auf meinem Ausweis steht schon die neue Adresse.

Nach und nach füllt sich die Wohnung mit unseren liebsten Dingen.

Doch das Interessante ist gar nicht so sehr, wie es innen aussieht, wie groß oder hell oder „schick“ die Wohnung ist – das wirklich Besondere ist, wo sie sich befindet.

Denn ab sofort leben wir auf einem echten Bauernhof. Und kommen damit unserer Idee von einem sinnvollen Leben einen großen Schritt näher.

Aber auch der Ernsthaftigkeit. Denn bisher war alles nur reine Theorie.

Jetzt wird es – wirklich – „echt“.

Unsere neue Wohnung liegt in dem alten Bauernhaus mit den schiefen Böden und niedrigen Decken direkt über dem Kuhstall und der Melkkammer. Wenn man durch die Fenster nach draußen blickt, sieht man den Bauern, wie er tut, was ein Bauer eben so tut. Man sieht die Kühe auf den Weiden, das Bienenhaus, den Garten, den Wald.

Und man sieht all das nicht nur, man riecht und hört es auch.

Wir gehen damit einem Trend entgegen, der jetzt schon Jahre und Jahrhunderte anhält. Menschen ziehen vom Land in die Städte, oder doch zumindest in die Vorstädte.

Weil es mehr oder andere berufliche Perspektiven gibt. Weil es schicker ist. Effizienter. Weil man spät abends noch einkaufen kann. Die Gründe sind vielfältig. Und ich will sie überhaupt nicht werten.

Unsere Wünsche gehen in eine andere Richtung. Wir sehnen uns danach, ganz nah am Elementarsten zu leben. An unseren Grundbedürfnissen.

Wir wollen nicht lange Wege und viele, uns unbekannte Menschen zwischen uns und den Dingen haben, die wir täglich zum Leben brauchen.

Auch von unserer bisherigen Stadtwohnung aus, kennen wir die Gärtner, die unser Gemüse anbauen persönlich und finanzieren sie und ihre Arbeit mit einem monatlich fixen Betrag – solidarische Landwirtschaft statt Preisvergleiche.

Für unsere Milch, Käse, Quark und Fleisch fahren wir einige Kilometer raus aufs Land, helfen bei Bedarf auch mal mit, die Kühe vom Stall auf die Wiese zu bringen.

Und in unserem eigenen, kleinen Garten bauen wir selbst Tomaten, Paprika, Salat, Zucchini, Gurken, Kartoffeln, Topinambur, Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren und viele Kräuter an.

Was wir jetzt voIMG_20150801_202855rhaben, ist ein weiterer logischer Schritt. Raus aus der Stadt. Aufs Land. Genau dorthin, wo für unsere wichtigsten Grundbedürfnisse gesorgt wird. Und es ist auch ein Stück weiter auf der Reise dahin, irgendwann selbst für das Wichtigste zu sorgen. Uns teilweise „selbstzuversorgen“.

 

Während ich in den Tagen vor dem Umzug meine Sachen ausmiste und nach und nach nur das bleibt, was wirklich wichtig ist, fällt mir eines ganz besonders auf: nie war ich mir so sicher.

Es ist nicht so, dass ich weit abgeschottet von der Landwirtschaft aufgewachsen wäre. Meine Großeltern waren Landwirte und ich erinnere mich an die großartigsten Ferien auf einem befreundeten Bauernhof.

Aber in den letzten Jahren war ich doch sehr weit davon entfernt.

Drei Jahre in der Stadt haben mir gezeigt, dass mich der Anblick von Häusern nicht zufrieden macht – der von Wäldern, Hügeln und Seen jedoch schon.

Ich habe das Gefühl, dass mich diese Umgebung erdet, beruhigt. Mir die Möglichkeit gibt, gelassener, aber auch schärfer auf die Welt um mich herum zu blicken.

Aber uns ist auch klar, dass am Landleben nicht alles friedvoll ist. Nicht alles was in der Landwirtschaft um uns herum passiert, passt zu unseren Überzeugungen.

Landwirtschaft bringt viel Banales mit sich, Trauer und Leid sind intensiver erlebbar, als am Kühlregal. Aber genauso auch die kleinen Freuden: wenn die ersten Pflanzenköpfchen aus dem Boden spitzeln, ein neues Kalb geboren wurde.

Mir persönlich liegen die Extreme. Ich mag alle Jahreszeiten. Ich schätze, soweit das eben geht, das Negative wie das Positive. Die Trauer und die Freude.

Alle Extreme haben ihre Qualitäten.

Und sie sind real, egal ob wir uns mit ihnen auseinander setzen oder nicht.

Ich jedenfalls will meine Augen davor nicht verschließen.

Sondern eine Beziehung zu dem aufbauen, was um mich und für mich passiert.

Das gelingt mir mit dem großen, anonymen Supermarktangebot nicht.

Also geht es raus aufs Land.

Für mich das echte Leben.

Und dann wird sich zeigen, ob das „echte“ auch das „wahre“ ist.



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2 Kommentare zu “Es wird ernst mit dem „echten“ Leben

  1. Glückwunsch!

    Wäre echt nix für mich, bin eher ländlich aufgewachsen und erfreue mich das letzte Jahrzehnt daran mitten in der Stadt zu wohnen. Mit all‘ den Annehmlichkeiten wie z.B. keinen PKW besitzen zu müssen (weil funktionierender Nahverkehr), jederzeit nebenan einkaufen zu können, zur Arbeit laufen zu können (in unter 10min) und meine Nachbarn nicht mit Vornamen kennen zu müssen.

  2. Finde ich toll und bemerkenswert. Ich glaube auch, dass dies der richtige Weg ist. Nicht für jeden – Gott sei Dank – , aber für jeden, der weiter denkt.
    Ich wohne seit 40 Jahren auf dem Land und versuche auch, immer etwas autarker zu werden. Als Rentner ist das um einiges einfacher geworden.
    Ich wünsche Euch viel Glück!

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