Es muss nicht schwer sein, damit es echt ist

Wir haben den Hang dazu, uns zu quälen. Und andere gleich mit. Ich frage mich, woher das kommt. Denn wer sagt schon von sich, dass er gerne leidet? Und doch sagen wir:

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder

Wenn du nicht aufisst, gibt’s heute keinen Nachtisch“.

Aber warum sollte man nicht mal den Nachtisch zuerst essen?

Warum sollte Arbeit auf der To-Do-, und damit der Prioritätenliste, ganz oben stehen und nicht das, was uns am meisten bedeutet?

Wer definiert für uns diese Regeln?

 


Als ich anfing, selbständig zu arbeiten, hielt ich es genauso: als erstes am Tag musste das getan werden, was Geld einbrachte. Erst die Arbeit. Dann das Vergnügen.

Ungeschickterweise waren das oft Dinge, die ich gar nicht wirklich gerne tat. Ich freute mich zwar über das, was als Ergebnis am Ende raus kam, doch die Tätigkeit selber war nicht wirklich etwas, das mich von innen heraus begeisterte. Ich mochte das Ziel, aber nicht den Weg. Das müsse so sein, dachte ich. Das ist Arbeit.

Und ich tat, was sicher viele tun und wenige zugeben: ich verbrachte mehr Zeit damit, mich vor der Arbeit zu drücken, als mit irgendetwas anderem.

Ich gestand mir nicht ein, die Dinge zu tun, die mich interessierten und begeisterten, weil ich zuerst arbeiten musste. Ich tat jedoch auch die Arbeit nicht, weil sie mich nicht interessierte und begeisterte – und prokrastinierte stattdessen.

Tage, Wochen, Monate ging das so. Statt erst Arbeit und dann Vergnügen, lebte ich mit erst Prokrastination, dann Arbeit. Prokrastination hatte sich mit größter Vehemenz auf den ersten Platz meiner To-Do-Liste gequetscht und Vergnügen vom Blatt geworfen.

Und ich fragte mich: wozu dann überhaupt noch das ganze?

 


Kunst tut weh – aber sie ist ansich nicht schwer.

Charles Bukowski formulierte es in seinem Gedicht „So you want to be a writer“ so:

if it doesn’t come bursting out of you
in spite of everything,
don’t do it.

(…)

if you’re doing it for money or
fame,
don’t do it.

(…)

if it’s hard work just thinking about doing it,
don’t do it.

(…)

when it is truly time,
and if you have been chosen,
it will do it by
itself and it will keep on doing it
until you die or it dies in you.

there is no other way.
and there never was.


Zum Schreiben muss ich mich nicht zwingen. Im Gegenteil. Auch zur Musik nicht. Ich habe mir beides nur lange nicht mehr erlaubt. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Erst das, wofür ich bezahlt werde, dann das, was ich für mich tue, mitunter tun muss.

Geld > Ich. Geld > Freunde. Geld > Familie.

Es dauerte eine Weile bis ich wirklich begriff, dass ich diese Priorisierung – insgeheim – hatte, auch wenn ich sie eigentlich verurteilte. Sie war da. Woher war sie gekommen?

 


Unsere westliche Welt ist von zwei Dingen extrem beeinflusst:

  1. von der Kirche und
  2. der Wirtschaft.

Jahrhundertelang wurde von den Kirchen propagiert, dass wir büßen müssten und um Vergebung bitten. Die Menschen sollten zur Kirche gehen, unabhängig davon, ob ihnen diese Zeit persönlich und im Diesseits etwas brachte (zum Beispiel durch die Gemeinschaft oder durch die Philosophie der Predigt). Leere Kirchen, leere Kassen. Und gelangweilte Priester.

Heute ist aus „Erst die Buße, dann das Paradies“ das Credo „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ geworden.

Menschen sollen zur Arbeit gehen, unabhängig davon, ob ihnen diese Zeit persönlich und jetzt etwas bringt. Noch immer geht es um Macht (über die Menschen) und Geld (von den Menschen). Die Mittel dazu sind Angst und Aussicht auf ein besseres Dasein im Paradies, im Feierabend oder an der Rente.

Wir wurden auf diese Haltung programmiert, weil jemand davon profitiert. Nur: diese Jemande sind oft gerade die, die selbst gar nicht so handeln, sondern ihre Zeit damit verbringen, mit massenhaft Geld und Macht zu hantieren.

Geld und Macht jedoch, die davon abhängen, dass andere zuverlässig das tun, was ihnen gesagt wird. Ora et labora. Beten und Arbeiten.

Reinhard Mey singt dazu so schön und wahr: Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: „Halt du sie dumm, – ich halt’ sie arm!“

Jeden Tag.

 


Ich drehte also den Spieß um. Setzte das, was mir wichtig ist, auf den ersten Platz. Esse meinen Nachtisch zuerst, wenn ich Lust darauf habe.

Gestalte mir meinen Tag zuerst mit den Dingen, die ich gerne tue, die mir wichtig sind. Mit denen, die ich von mir heraus tun muss, statt denen von denen ich lange glaubte sie tun zu müssen.

Ich streiche Unsinnigkeiten und Unannehmlichkeiten, wo es geht, aus meinem Leben.

Tue das, was ich tun will zuerst.

Und das was ich tun muss, wirklich muss, danach.

Es geht gar nicht darum, nur noch ersteres zu tun, sondern ihm den wichtigeren Platz zuzugestehen. Weil es das ist, was mich ausmacht, was mich am echten Leben hält, wo mich Grundbedürfnisse nur überleben lassen.

Ich bin froh so frei zu sein, Nachtisch zu bekommen. Das ist nicht selbstverständlich. Und ich nehme mir die Freiheit, ihn erst zu essen. Und: ihn zu teilen!

Denn – genau wie Freude – vermehrt sich Nachtisch, wenn man ihn teilt.

Ich schwör’s.



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2 Kommentare zu “Es muss nicht schwer sein, damit es echt ist

  1. grüß dich,
    dein link auf diaspora* brachte mich hierher…
    was du schilderst kenn ich aus anderen umständen herraus, ich bin rentner mit ca. 40 jahren geworden. weder kirche noch wirtschaft waren ein problem, letztlich ging es um zugehörigkeit und anerkennung. ich war beschämt um mein „nichtstun“ obwohl ich sehr lang um meine arbeitsfähigkeit kämpfte… was blieb waren ehrenämter, doch diese neue notwendigkeit machte mich abhängig. später entdeckte ich ua. das malen, fotogrfieren und auch alte interessen neu, fand gruppenaktivitäten von denen auch ich profitierte, neuen zugang zu freundschaften, und am wichtigsten zugang zu meinen bedürfnissen. manchmal gibt es bei mir nur nachtisch und oft weiß ich wofür ich mich da in’s zeug lege. doch die zuordnung zur gruppe der menschen am abeitsmarkt war auch kompfortabler schutz, zurück will ich heute nicht mehr. nach drei portionen nachtisch wird mir fieß, mag da auch gern bratkartoffeln, erbsensuppe…, kochen gehört längst zum alltag und selbst spülen hat was. es war meine angst es den anderen um mich herrum nicht recht zu machen und bestraft zu werden, zurückgelassen zu werden, runtergemacht, niemals mehr anerkennung zu bekommen. doch andersherrum wird nen schuh raus, „bestraft“ wirste für’s rechtmachen. lg, chris (chris-wilh.-marie)

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