Ekstase des Entrümpelns

Ich bin unglaublich faul, wenn es um Unnötigkeiten geht.

Ich räume nicht gern auf. Ich staube nicht gern ab. Ich schleppe nicht gern Umzugskartons durch die Gegend – wenn es sich auch vermeiden lässt.

Dafür liebe ich Symmetrie. Ordnung. Einfachheit. Minimalismus.

Das hat dazu geführt, dass ich ziemlich gut im Entrümpeln und im keinen-sinnlosen-Quatsch kaufen bin.

Aber auch bei mir gibt es noch Potenzial.

Socken, die ich nie anziehe. Erinnerungsstücke, die mich an die Vergangenheit binden und der Zukunft den Weg versprerren. Schmuck, den ich eh nie trage.

Nun jedenfalls steht ganz bald ein Umzug an und je näher der rückt, desto mehr graust es mir davor, all den Kram zu verpacken, zu transportieren und irgendwo wieder auszupacken, nur um festzustellen, dass ich die Hälfte davon eigentlich am liebsten gleich eingepackt lassen würde.

Mein letztes richtig großes Ausmistspektakel hatte ich beim vorletzten Umzug vor über 10 Jahren veranstaltet, wo ich unter anderem mein gesamtes altes Schulzeug und riesen Mengen an Spielzeug und Kindheitserinnerungen raus warf.

Wahrscheinlich besitze ich wirklich verhältnismäßig wenig und vor allem überdurchschnittlich wenig „unnötiges“. Aber so reduziert mein Hab und Gut auch nun schon ist, so klar ist mir auch, dass, wenn ich jetzt noch krasser werden will, ich dringend Unterstützung brauche.

Vor einigen Wochen hörte ich das erste Mal von Marie Kondo – Meisterin des Aufräumens und der Gnadenlosigkeit gegenüber Erinnerungsstücken. Ihre Ansichten und Vorstellungen ähneln meinen, aber von ihrer (professionellen) Rigorosität kann ich doch noch einiges lernen.

 

Magic CleaningAlso wünschte ich mir ihr Buch „Magic Cleaning – wie richtiges Aufräumen ihr Leben verändert“ von meiner Schwester zum Geburtstag und legte los zu lesen.

Nicht bei allem stimme ich mit ihren Ansichten überein. Und manchmal nerven mich ihr Schreibstil und manche hohlen Phrasen ganz gewaltig, aber die Essenz ist wirklich brauchbar.

Marie Kondo besteht darauf, dass zuerst ausgemistet werden muss – und das ganz gnadenlos – bevor es ans Aufräumen und Sortieren geht. Auf keinen Fall darf man während dem Ausmisten einer Kategorie schon mit dem Aufräumen beginnen. Alle Konzentration soll auf den einzelnen Dingen liegen.

 

 

Ihre Methode besteKlamottenht außerdem aus drei Grundsätzen:

1) Alles in einem Schwung ausmisten und aufräumen, so perfekt es nur irgendwie geht. Nicht Stück für Stück, jeden Tag ein bisschen. Keine halben Sachen. Ein Mal ausmisten und aufräumen und dann – am besten – nie wieder.

 

Schuhe2) In Kategorien arbeiten – nicht Raum für Raum oder Schrank für Schrank. Alle Dinge einer Kategorie (Kleidung, Bücher, …) an einem Ort sammeln und in einem radikalen Durchgang betrachten.

3) Nur das behalten, was einem wirklich Freude bereitet. Dazu sollte man jedes Stück einzeln in die Hände nehmen und spüren: was bringt wirklich Freude? Was löst in mir ein echtes Glücksgefühl aus?

Während ich lese und lese, wächst die Lust auf das Ausmisten von Tag zu Tag. Gut so. Kondo beschreibt in ihrem Buch schon ganz am Anfang, dass richtiges Aufräumen wie ein Reset wirken kann. Der Start in ein neues, geordneteres Leben. Gerade vor einem Umzug ist das ein richtig gutes Gefühl.

Und noch etwas bewirkt das Aufräumen im Inneren: wenn wir uns nur noch mit Dingen umgeben, die uns wirklich beschäftigen, die uns wichtig sind, dann gleichen wir nach und nach unser Äußeres unserem Inneren an. Und nicht mehr umgekehrt.

Wir schaffen Klarheit um uns herum und in uns drin. Und das kann, wie Kondo erzählt, ganz eigene Dynamiken entwickeln.

So bringt sie das Beispiel einer Frau, die schon einige Zeit berufstätig ist und merkt, dass, obwohl ihr Job ganz nett ist, ihr irgendwas fehlt. Als besagte Frau nun gemeinsam mit Kondo ihre Bücher ausmistet, dabei jedes einzelne Buch prüft, ob es sie glücklich macht, fliegen große Mengen davon raus. Übrig bleiben Bücher, die sich mit Sozialem beschäftigen, mit Wohlfahrt und ähnlichem. Alles, was mit ihrem bisherigen Beruf zu tun hat, war verschwunden. Erst dadurch merkte sie, dass sie sich eigentlich einen sozialen Beruf wünschte – und machte sich schließlich mit einer Babysitting-Agentur selbständig.

Es passiert leicht, dass wir im Trubel und in der Reizüberflutung in unserem Leben den Überblick verlieren. Und den Blick darauf, was uns wirklich wichtig ist.

Marie Kondo gibt mit ihrer Methode wirklich gute und hilfreiche Anreize, mit denen einem das Ausmisten und Aufräumen leichter fällt – und selbst für erfahrene Entrümpler wie mich, sind gute Ideen und Erinnerungen dabei.

Vor allem aber lässt sich mit ihrer Methode die Hirnregion ändern, mit der wir ausmisten: von der Logik (ach, das könnte man ja daundda vielleicht noch brauchen) hin zum Gefühl (das fühlt sich gut an – oder eben nicht).

Essenziell finde ich auch ihren Ansatz, die „wahre Aufgabe“ einer Sache zu erkennen, zu akzeptieren und schließlich Konsequenzen zu ziehen.

Viele Geschenke und vor allem auch Grußkarten, erfüllen ihren Hauptzweck bereits in dem Moment, in dem sie verschenkt werden. Sie geben uns im Moment des Schenkens ein gutes Gefühl (wir sind jemandem wichtig), aber darüber hinaus freuen wir uns nicht daran.

Aufgabe erfüllt. Kein weiteres Glücksgefühl zu erwarten. Raus damit!

Wenn wir diese wahre Aufgabe erkannt haben, sollten wir den Dingen dafür danken, dass sie sie erfüllt haben. Marie Kondo tut dies jeden Tag. Sie begrüßt auch nicht nur ihre eigene Wohnung, sondern auch jede, in die sie für einen Aufräumkurs kommt.

Das mag sonderbar klingen, hat aber einen wichtigen Hintergrund: man baut eine Beziehung zu seiner Umgebung und allen Dingen auf. Und bekommt dadurch ein anderes Verhältnis dazu.

Wenn ich merke, dass es mir nicht möglich ist, irgendeine Verbindung aufzubauen zur ungeliebten, vor Jahren von Tantesoundso geschenkten Kuckucksuhr, geschweigedenn irgendjemandem dafür dankbar zu sein, dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass ich mich von dieser Sache trennen sollte. Und zwar schnell und schmerzlos.

Am Ende bleiben lauter Lieblingsdinge für ein Lieblingsleben.

Nach und nach leert sich die Wohnung und heraus schält sich die Essenz. Das Wichtige. Und schon während ich nur darüber nachdenke, merke ich, wie tatsächlich in meinem Kopf etwas ganz ähnliches passiert.

Das Chaos lichtet sich.

Mit vielen Gegenständen entsorge ich auch alte Erinnerungen.

Ich sage kurz und ehrlich Danke und erlaube mir, weiter zu gehen.

Und ich… ich fühle mich leicht, befreit, glücklich. Und merke erst jetzt, wie viel ich in den letzten 10 Jahren innerlich gewachsen bin. Als hätte mir der alte Kram zuvor die Sicht darauf versprerrt.

Danke, Zeug, dass ich mich jetzt von dir trennen darf.



Erhalte neue Texte per E-Mail - maximal ein Mal pro Woche:

 

 


 


2 Kommentare zu “Ekstase des Entrümpelns

  1. Liebe Nadine,
    was für ein erhellender Artikel, der mir gerade recht kommt! Auch bei mir ist es mal wieder soweit, dass ich DRINGEND ausmisten muss. Auch in Hinblick auf einen irgendwann demnächst evtl. stattfindenden Umzug. Ich möchte wirklich nicht all den Krempel mitnehmen und vor allem nur das haben, was wirklich gebraucht wird. Das ist wirklich befreiend.
    Allerdings würde ich Frau Kendo nicht zustimmen, alles in einem Rutsch zu machen. Jedenfalls nicht ich mit dem derzeitigen Wohnungszustand. Habe mir heute das Bad vorgenommen, und musste dauernd pausieren. Zu warm, zu anstrengend … Dann halt Stück für Stück, aber konsequent im wegwerfen. Es kam einem Erlösungsschlag gleich, die 2 Boxen Putzmittel aufzulösen, die hinter dem Wäschekorb verstaubten und zahlreiche Wollmäuse und runtergefallene Kleinigkeiten beherbergten. Und ja, nach dem Wegwerfen kommt das Schönmachen. Erst muss Platz sein.
    Den Punkt, ob es mir Freude bereitet, finde ich großartig. Immerhin sollte man sich in seiner Wohnung wohlfühlen.
    Mal sehen, was in meinem Leben entsteht, wenn ich durch bin. Klingt sehr einleuchtend, dass Unnötiges von der Weiterentwicklung abhält.
    LG
    Sybille

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

.