Die Magie des Morgens

Frühaufstehen ist ein Mythos. Schon seit Ewigkeiten gleichgesetzt mit Produktivität, einem starken Willen, einem guten Leben. Doch so viele Verfechter des Frühaufstehens es auch geben mag – es wird dadurch nicht leichter.

Ich bin ziemlich exakt das Gegenteil eines Frühaufstehers. Ich bleibe gerne und leicht lange wach. Und ich könnte ewig schlafen. Noch lange eingekuschelt im Bett bleiben und vor mich hin dösen.

Es gibt aber auch die Tage, an denen etwas anders ist. An denen ich aus irgendeinem Grund früh aufwache und dabei wach genug werde um aufstehen zu wollen.Kleinwalsertal3

Dann steige ich verschlafen aus dem Bett, wandere durch die dunkle Wohnung und durch die Stille des frühen Morgens.

Vielleicht zwitschern schon die ersten Vögel.

Der Tag ist neu und kalt.

Noch ist völlig unklar, was er bringen wird.

Erst nach und nach höre ich die ersten anderen Menschen. Manchen hört man die Hektik an.

Ich mache mir eine Tasse Tee oder Kaffee und bin dabei so ruhig und gelassen wie jemand nur sein kann, der alle Zeit der Welt hat.

Es gibt keinen Grund zur Eile.

Ich kann nichts verpassen.

Mit einer Decke um die Schultern gehe ich raus in den Garten. Die Katze schleicht durchs hohe Gras auf der Suche nach ihrem Frühstück.

Gute Idee, denke ich.

Und während um mich herum die Welt erwacht, bin ich einfach nur da. Es gibt nichts zu tun, weil ich eigentlich um diese Zeit noch schlafe.

Es ist geschenkte Zeit.

Erst nach einer ganzen Weile mache ich mich mit einer Stofftasche und etwas Geld auf zur Bäckerei. Der große Geldbeutel und das Smartphone bleiben zurück. Was sonst unverzichtbar scheint, ist auf diesem Weg egal.

Es ist nicht wichtig. Eigentlich wäre ich gar nicht hier. Um diese Zeit.

Meistens jedoch bin ich Spätaufsteher. Und die wenigen frühen Tage ein umso größeres, erinnernswertes Geschenk.

Vielleicht ändert sich das irgendwann.

Mit dem Alter. Auf einem Hof.

Wenn wir campen gehen wir ganz natürlich mit dem Verschwinden der Sonne auch schlafen. Und auch dann wache ich oft mit ihr wieder auf.

Und ich weiß ganz genau: wenn ich jetzt aufstehe, vor allen anderen, kann ich die Magie des Morgens spüren. Die Leichtigkeit. Die kühle Stille.

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Draußen spüre ich das alles noch viel mehr.

Und alles fühlt sich ganz natürlich an.

Ich muss nicht aufstehen – ich darf.

Kein Wecker, keine Verpflichtungen, stattdessen das verlockende Angebot des Morgens und seiner ganz besonderen Stimmung.

Vielleicht bin ich doch eigentlich Frühaufsteher.

Und Wände und Kunstlicht haben mich davon entfernt.

Vielleicht.

In jedem Fall ist mein Bedürfnis gewachsen, mehr mit diesem „Natürlichen“ zu leben. Tag und Nacht. Kälte und Wärme. Nicht abgeschottet hinter Mauern, sondern mittendrin.

Genau das fühlt sich nach mir an.

Und was könnte richtiger sein?



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2 Kommentare zu “Die Magie des Morgens

  1. Früh aufstehen ist imho vor allem eine Idee die früher ™, vor massiven Verbreitung von elektrischen Lichtquellen, deutlich mehr Sinn machte. Meine These lautet dass dieses Konzept vor allem auch dadurch positiv für konservativ eingestelltere Leute ist.

    „Ham‘ wir immer schon so gemacht“ halt.

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