Die Kunst des Kindlichen

Warum kindlicher Unsinn die beste Quelle für Kreativität ist

 

Hoch, runter, rüber, rechts, links, über Kopf – gar nicht so leicht den Überblick zu behalten.

Es ist ein warmer Juliabend, an dem wir ehrfürchtig in die Höhe blicken, während drei Damen an drei hohen Stützen und in teilweise mehr als drei Metern Höhe über unzählige Seile balancieren, mal hängen, mal springen, mal keineahnungwas verdrehen.

Kurz nach Ende der Show wird meine kleine Cousine gefragt werden, ob sie denn auch gerne klettere und schaukle. Denn, eigentlich, machten die Künstlerinnen ja auch genau das. „Erweiterte Kindheit“ erwiedere ich und denke mir: wie cool ist das eigentlich?

Noch ein wenig später wird eine von den Artistinnen von einem Jungen gefragt werden, wann sie denn angefangen habe damit, und sagen wird sie ihm schließlich, dass es „eigentlich egal“ sei, wann man damit anfängt… „hauptsache man macht, was einem Spaß macht“.

Und irgendwie ist es doch so… Künstler bleiben immer auch, auf gewisse Weise, ein wenig Kind.

Sie entscheiden sich, früher oder später, eben keinen „richtigen“ Job anzufangen. Sie nehmen stattdessen etwas mehr Unsicherheit in Kauf und bekommen im Gegenzug etwas mehr Abenteuer und Freiheit.

Sie klettern, schaukeln, schreiben, malen, singen.

Tun also genau das, was in unserer Gesellschaft üblicherweise nur den Kindern wirklich uneingeschränkt zugestanden wird.

Und Kinder sorgen sich noch nicht einmal darum, ob ihnen am Ende einer dafür ein paar Euro in den (PayPal-)Hut wirft. Sie tun es einfach.

Ich hege schon länger den Verdacht, dass genau in dieser kindlichen Unbekümmertheit ein großer Teil des menschlichen Potenzials an Kreativität versteckt liegt. Dass wir, die wir uns selber als die tollste, klügste und kreativste Spezies fühlen, einen enormen Teil davon an Geld- und Zeitdruck verlieren. Willentlich.

Wir verlieren langsam und leider die kindliche Magie.

Die, die uns dazu bringt absurd zu denken. Die Kraft, die uns einfach auf den Boden sitzen lässt oder durchs Gras laufen, ohne den Gedanken an Dreck und Zecken. Die uns auf Bäume klettern und uns unter den Tisch verkriechen lässt. Die uns mit matschigen Schuhen durchs Haus und über den weißen Teppich treibt.

Ich meine diese unbeschwerte Kindlichkeit, die uns das freie und grenzenlose Denken ermöglicht.

Den Unsinn und den Wahnsinn und all das, was wir uns als Erwachsene nicht mehr (zu)trauen.

Die vielen Dinge, die uns plötzlich peinlich sind. Oder von denen wir auf ein Mal zu wissen meinen, dass man das „nicht so macht“.

In dem wir uns jenen ungeschriebenen Gesetzen unterwerfen, unterwerfen wir uns auch der Mittelmäßigkeit.

Lacht ruhig über die Exzentriker, die Künstler, die wilden Kreativen. Belächelt sie.

Aber sie haben euch so viel voraus, was sich nicht mit Geld kaufen lässt.

Sie haben sich etwas bewahrt, was man nicht mal so schnell wieder zurück holen kann.

Und hoffentlich sind sie stolz drauf.



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