Der Hass ist das Problem

Warum man „gute Menschen“ nicht an ihrer Hilfsbereitschaft erkennt

 

Im Moment scheint alles, was Flüchtlinge betrifft, auf zwei Lager konzentriert zu sein: die „Guten“, die helfen, spenden, verteidigen – und die „Bösen“, die hetzen, prügeln und in Brand stecken.

Eigentlich ganz simpel.

Aber dann, vor einigen Wochen, wurde ich auf einmal ganz öffentlich mit Hitler gleichgesetzt – und damit eine Befürchtung real, die ich schon lange mit mir herum trage:

man erkennt die „Guten“ nicht an ihrer Hilfsbereitschaft.

Schon vor längerer Zeit hatte ich einen Text veröffentlicht, in dem es um das Töten von Tieren ging, um sie zu essen.

Das passte einem Leser ganz offenbar nicht.

Woran er sich störte?

Ich schrieb von Tod – ohne, dass es um Flüchtlinge ging.

Stattdessen schrieb ich vom „alltäglichen“ Tod im Supermarkt und der Metzgerei. Davon, wie wir ungerührt daran vorbei gehen. Es ging um Ernährung. Um Moral. Und den Text hatte ich schon Wochen zuvor veröffentlicht – lang bevor die wirkliche Wucht der Flüchtlingskrise hier zu spüren war.

Den Kommentator störte das nicht.

Stattdessen schrieb er: „Zuerst dachte ich, es wird um die Toten im Mittelmeer gehen, aber Nein, es geht um Gummibärchen. Musste sofort an Hitler und seine Schäferhunde denken, ich glaube ich kann die Deutschen einfach nicht leiden.“

Wie ich das so las, schüttelte und gruselte es mich. Ich las nochmal, weil ich nicht glauben konnte, dass es wirklich so gemeint sein konnte, wie es da stand.

Und dann überkam mich die dumpfe Erinnerung an etwas, was viele Jahre vorher passiert war. Eine Situation, von der ich damals gewusst hatte, dass ich das Gefühl dabei in Erinnerung behalten musste, nicht vergessen durfte, weil es mir irgendwann mal als Warngefühl dienen könnte.

Dieser Moment war jetzt da.

Und das Gefühl war so gruselig wie damals. Vor ziemlich genau 8 Jahren.

Ich war fast 18, als ich mit meiner damaligen Klasse das KZ in Dachau besichtigte.

Da ich auf eine katholischen Privatschule ging, überraschte es nicht, dass manche Lehrer religiöse Elemente in den Unterricht oder auf solchen Studienfahrten einfließen ließen. Es war ihre Überzeugung. Und durch die Art der Schule fühlten sie sich wohl darin bestärkt.

Gleichzeitig war die Schule keinesweges (mehr) streng, was die persönlichen Ansichten anging.

Seit ich mich erinnern kann, zweifle ich an jeglicher Religion. Man könnte sagen, wenn man dem einen Namen geben will, ich sei „Agnostikerin“. Aber mehr noch als mein persönlicher Zweifel, beschäftigte mich auch damals schon, was solche einfachen Wahrheiten wie die der Kirchen, mit den Menschen machen. Was es für Auswirkungen hat, wenn viele Suchende denen folgen, die behaupten den – einzigen – Weg zu kennen.

Während wir durch die kahlen Gebäude geführt wurden, dachte ich darüber nach, wie oft das Thema Nationalsozialismus in den letzten Schuljahren eine Rolle gespielt hatte. Praktisch jedes Schuljahr und in den verschiedensten Fächern, hatten wir darüber gesprochen. Vor allem darüber, dass „soetwas“ nie wieder passieren darf.

Es war klar, dass das Ziel war, tief in uns zu verankern, dass es „nicht richtig“ war.

Platz um zu Hinterfragen gab es in der Schule ohnehin nicht. Wir sollten einfach diese Einsicht schlucken, wie alles andere auch, was einem „beigebracht“ wurde.

Was mich daran immer schon gestört hatte, war dieses Gefühl, dass uns ein schlechtes Gewissen gemacht werden sollte. Und dass wir uns nie mit „echten“ Quellen beschäftigten. Dass wir uns nicht wirklich mit dem beschäftigten, was damals passierte, sondern immer nur mit dem was andere wollten, dass wir darüber dachten.

Wo bleibt da Gelegenheit, sich wirklich eine eigene Meinung zu bilden?

Nunja. Es gibt sie praktisch nicht.

Und so wurden wir auch an diesem Tag in den kleinen Gedenkraum geführt, der im KZ eingerichtet worden war.

Unsere Begleit-Lehrer drückten uns jeweils einen Zettel, Stift und ein Teelicht in die Hand. Wir sollten uns „besinnen“ und dann auf den Zettel unsere Gedanken schreiben, die Kerze anzünden, und beides zusammen an einer kleinen Gedenkwand platzieren.

So weit so gut. Brav setzten wir uns hin, waren ganz still.

Ich dachte über das nach, was ich die letzte halbe Stunde über gesehen hatte. Wie schwer vorstellbar es ist, da mittendrin gesteckt zu haben, hilflos, ausgeliefert. Diesen Menschen voller Hass – und den simplen Pflichterfüllern, die auf erstere hörten.

Ich erinnere mich noch genau an die bedrückte Stimmung.

Schließlich nahm ich Stift und Papier in die Hand und wollte anfangen zu schreiben. Doch ich stockte. Denn der Zettel war nicht leer.

Ganz oben stand darauf „Lieber Gott,…“

Ich haderte. Ganz sicher würde ich meine – eigenen – Gedanken nicht so anfangen. Es wäre gelogen. Ich glaubte an keinen Gott. Und ich fand die Lehren der Kirche gefährlich.

Sollte ich die zwei Worte durchstreichen? Abreissen?

Schließlich wurde mir klar, dass ich selbst gar nicht das Bedürfnis hatte, meine Gedanken zu Papier zu bringen. Ich war so schon tief eingesunken in Mitgefühl, Schrecken und dem festen Willen, alles dafür zu tun, um derartig (und auch nur annähernd derartig) Böses zu verhindern.

Ich zerknüllte leise und unauffällig den Zettel. Zündete die Kerze an. Und stellte sie neben die anderen.

Als ich den Gedenkraum verlassen hatte, passierte, womit ich ehrlich nicht gerechnet hätte, und was mir bis heute tief in Erinnerung geblieben ist. Zwei Mädchen aus der Klasse näherten sich. Sie wollten wissen, was das sollte, dass ich nichts auf den Zettel geschrieben hatte.

Sie machten mir Vorwürfe.

Ich erinnere mich nicht mehr an ihre genauen Worte. Aber ich erinnere mich noch gut an den Hass in ihren Augen.

Mir wurde klar, dass aus ihnen nicht das Mitgefühl für die Opfer sprach, sondern einfach nur der Hass gegenüber Quertreibern. Gegenüber denen, die nicht das tun, was „von oben“ verlangt wird.

Mal ganz im ernst?

Ist das nicht genau das, was zur Nazizeit passierte?

Und ich meine wirklich: genau das.

Dass Menschen unhinterfragt Meinungen übernehmen?

Klar könnte man sagen: ja, aber diesmal ist es die Meinung der „Guten“.

Aber genau das selbe dachten die Menschen damals auch. Dachte die Kirche schon immer, egal ob sie grade nur betete, „Ketzer“ verbrannte oder Menschen auf Kreuzzügen niedermetzelte.

Deshalb behaupte ich: das große Problem sind meist gar nicht „die Bösen“.

Sondern die, die ihnen unhinterfragt folgen.

Die, die es sich einfach machen. Glauben wollen. Folgen wollen. Geführt werden wollen. Es vielleicht auch besonders „richtig“ machen wollen.

Menschen, die Feindbilder übernehmen. Die weg sehen. Die hassen, weil jemand, dem sie folgen, es für richtig hält.

Wovor ich mich in dieser Welt fürchte, sind Menschen, die hassen.

Aber mehr noch als vor ihnen, fürchte ich mich vor den Menschen, die mithassen.

Menschen, die nicht selbst nachdenken.

Weil es davon eine viel größere Masse gibt.

Denn es ist doch so: nur ganz wenige hassen von sich aus so tief und aus Überzeugung, dass sie anderen deswegen derart schaden würden.

Doch so viele hassen einfach mit.

Dann, wenn ihnen „einfache Lösungen“ geboten werden. Wenn jemand kommt, der ihnen verspricht, was sie sich wünschen.

Vor diesen Menschen habe ich Angst.

Denn die anderen hätten allein keine Chance.

Also ist es vielleicht doch gut, dass einem in der Schule „das Gute“ eingetrichtert wird.

Weil es vielleicht – auch wenn ich aus mir aus tiefstem Herzen wünschte, es wäre anders – doch einfach so viele Menschen gibt, die Orientierung brauchen.

Die nicht selbst nachdenken können. Die ein sehr eingeschränktes oder auch ein sehr egozentrisches Moralempfinden haben.

Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass es zumindest ein wenig anders sein kann.

Dass man nicht alles haargenau vorgeben muss – auch nicht darf –, was „der Staat“ sich an Verhalten wünscht und für richtig hält.

Dass es besser wäre, wenn mehr Menschen dazu in der Lage wären, ganz selbst nachzudenken. Und für sich herauszufinden, was „richtig und falsch“ ist.

Damit wir weniger anfällig werden für einfache Ideologien.

Denn als „gut“, „richtig“ oder „alternativlos“ kann man praktisch alles empfinden.

Und man kann alles hassen, was nicht ins eigene Bild passt.

Jeder in seiner eigenen Realität.



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