Das Leid der Lehrenden

Ein Dienstagmorgen, irgendwo in Deutschland. Verschlafen steige ich aus dem Auto und schleppe mich und mein mit großer Erwartung vorbereitetes Material in Richtung Schulgebäude. Ich bin weder Schüler noch Lehrer, sondern Gastreferentin. Nur zu Besuch.

Als ich aus der Ferne den Betonklotz sehe, in dem ich die nächsten drei Stunden verbringen werde, flüstere ich mir das nochmal aufmunternd zu: nur zu Besuch. In knapp dreieinhalb Stunden werde ich mich wieder in mein Auto setzen und davon fahren. Lasse Betonklotz und Tristesse wieder hinter mir.

Ich bin allein auf dem Schulhof. Alles ist still. Ich laufe über Quadrate und Dreiecke, Hüpfspiele und Strichmännchen. Mein Atem zeigt die Kälte, die noch immer über und zwischen dem Beton hängt.

Ich komme zur zweiten Stunde. Es ist 8:00 und ich bin noch immer müde. Wenn ich mich an die Zeiten zurück erinnere, in denen ich kurz vor Sieben bereits an der Bushaltestelle stand, um Acht schließlich im Biounterricht saß, Kopf auf die Hände gestützt, bloß nicht einschla…

Kurz vor dem Eingang kann ich durch die großen Fenster in die Klassenzimmer spähen. Schön aufgereiht sitzen sie dort schon seit 7:30. An der Tafel steht eine junge Lehrerin.

Dann geht alles recht zügig, routiniert. Rein ins Schulhaus. Hoch die Treppe, bis vor’s Lehrerzimmer. Die junge Lehrerin, die ich von außen schon gesehen hatte, spricht mich an. Die nächsten anderthalb Stunden verbringe ich bei ihrer Klasse.

Ich merke, dass sie einen guten Draht zu ihren Schülern hat. Anderswo, wenn die Schüler mit ihren Lehrern nichts anfangen können, kommen sie zu mir, der Fremden, mit ihren Sorgen und den Problemen mit den Mitschülern. Ohne die persönliche Beziehung wird auch der Lehrer austauschbar.

Irgendjemand sitzt immer gelangweilt da

Ruhig ziehe ich mein Programm durch, das ich schon mehr als das zwanzigste Mal erzähle. Mit allem möglichen an Material habe ich schon experimentiert. Immer wieder scheitert es daran, dass ich mich nicht auf das Niveau der Klassen verlassen kann. Jede Klasse ist anders. Jeder einzelne Mensch darin ist komplett speziell. Und auch die Schulform sagt wenig über das aus, was mich erwartet. Nie treffe ich jeden Nerv. Irgendjemand sitzt immer gelangweilt da.

Als die Viertklässler endlich selbst etwas ausprobieren dürfen, freue ich mich über ihre niedliche Begeisterung. Dann verabschiede ich mich von den Schülern. Einen oder zwei Namen werde ich wohl in der Woche darauf noch wissen, wenn ich zum zweiten Teil wiederkomme.

Die große Pause verbringe ich im Lehrerzimmer und lerne die Lehrerin der zweiten Klasse für heute kennen. Sie wird wohl Anfang Fünfzig sein, wirkt müde und abgekämpft. Und sie hat keine Zeit. Dafür bekomme ich Kaffee und eine Butterbrezel und einen Platz.

Im Lehrerzimmer riecht es nach Papier und viel Kaffee. Manche unterhalten sich. Viele bereiten die nächste Stunde vor, frühstücken nebenher. Wird von Schülern vor der Tür nach ihnen verlangt, verdrehen sie die Augen, denn so eine Unterbrechung ist in ihrer Tagesplanung nicht vorgesehen.

Die „Wirtschaft“ kommt an die Schulen

Eine Lehrerin spricht mich an und fragt, ob ich von diesem Geschlechtserziehungsprogramm sei, von der Krankenkasse, das sei nächste Woche ja bei ihrer Klasse. Ich erkläre, dass ich das nicht bin. Auch nicht Selbstverteidigung für Mädchen (ihre zweite Vermutung), sondern Energie sparen.

Es ist viel los heutzutage in den Schulen. Bildung soll wirtschaftsunabhängig sein, Werbung ist nicht erlaubt, und dennoch freut man sich, wenn einer kommt und tolles Material mitbringt, kostenlos… ach, das kleine Firmenlogo. Macht doch nix. Selbst die Bundeswehr habe ich schon an einer Schule Werbung machen sehen. Seit letztem Jahr immerhin dürfen sie nur noch für Frieden werben und nicht mehr für den Dienst.

Ich halte mich dennoch an das, was das Land Baden-Württemberg zur Verfügung stellt. Ich bin Idealist. Und immerhin zahlen die auch mich. So bleibt alles in der bürokratischen Familie.

Dann läutet es. Schüler ziehen vom Pausenhof aus wieder zurück. Die Lehrer hinterher. Auch wir.

In dieser Klasse geht es weit unruhiger zu als in der ersten. Viele der Fragen, die ich an die Kinder richte, werde ich selbst beantworten. Ihre Lehrerin sitzt in der hinteren Reihe und korrigiert Englischtests. Nicht gut für mich und meine Themen, denn warum sollten die Schüler mir zuhören, wenn es selbst ihre Lehrerin nicht für nötig hält?

Meine Themen gehen an denen der Schüler total vorbei

Aber: warum sollten sie überhaupt zuhören? Natürlich finde ich es wichtig, dass jeder Mensch weiß, wie wir unser Klima verändern, dass es höchste Zeit ist, was zu tun. Dass wir weniger verschwenderisch mit Strom und Wärme umgehen müssen.

Doch kann ich ernsthaft von diesen kleinen Menschen erwarten, dass sie sich auch dafür interessieren? Immerhin werden sie von den Lehrern ermahnt, wenn sie sich in der Zeit mit etwas anderem beschäftigen. Als Lehrende habe ich ein Recht auf ihre Aufmerksamkeit und wäre ich Lehrer dürfte ich das mit Strafen und schlechten Noten (= schlechten Zukunftsaussichten) auch selbst erzwingen.

Ich habe was gegen solche Zwangssysteme. Ich halte sie für schädlich und ineffizient. Dennoch habe ich mich mitten rein begeben, in dem Glauben, zumindest für zwei Mal anderthalb Stunden etwas entscheidend anders machen zu können. Inzwischen weiß ich, dass ich damit alles andere als alleine bin.

Warum wird jemand Lehrer?

Lehrer gibt es viele. Es gibt die Beamtentumshascher, die am liebsten eigentlich ihre Ruhe haben wollen. Es gibt die, denen nichts anderes einfiel, als ihr Lieblingsfach aus der Schulzeit zu studieren. Und es gibt die, die etwas verändern wollen, es besser machen wollen. Die, die vielleicht selbst einen tollen Lehrer hatten, der für sie einen wichtigen Unterschied im Leben machte – oder sich ihn zumindest immer wünschten.

Ich erinnere mich aus meiner eigenen Schulzeit an zwei Lehrer, die mich beeindruckten und bis heute beeinflussen. Der eine, weil er an jeden einzelnen seiner Schüler glaubte, wie schlecht auch immer seine Noten und sein Verhalten waren. Immer. Der andere, weil er mir ganz zu Ende der Schulzeit das Gefühl gab, endlich kreativ sein zu dürfen, dass endlich meine eigenen Ideen zählten und nicht nur das, was ich auswendig gelernt hatte. Ein Gefühl, das ich die dreizehn Jahre lang vermisst hatte.

Betrachtet man die lange Zeit und die vielen Lehrer, die eigentlich Teil meiner Schulzeit waren, ist das ein ziemlich schwaches Ergebnis.

Ich habe also beide Seiten erlebt – Schüler und Lehrender. Schon lange halte ich das deutsche Schulsystem aus Sicht der Schüler für schädlich, ungerecht und jegliche Kreativität zerstörend. Aber ich hätte lange nicht erwartet, dass ich irgendwann von letzterem als dem mindestens genauso bedrückenden sprechen würde.

Denn es gibt sie ja, die richtig motivierten Lehrer. Die, die was verändern wollen. Die Lehrer, die sich durch Didaktikliteratur und Fortbildungen wühlen, immer wieder Neues ausprobieren, eigenes Material entwickeln. Die sich wirklich für die interessieren, die vor ihnen sitzen.

Hinter der Fassade leiden viele – viel zu oft wegen des Systems

Doch in der Realität finden Lehrende sich immer wieder innerhalb des starren Systems aus Unterrichtseinheiten, festen Zeiten, Lehrplänen, Prüfungen und vor allem: vor einer Gruppe Menschen, von denen wir überzeugt sind, dass wir sie mitreißen und für unser Thema begeistern können, wenn wir nur überzeugend und leidenschaftlich genug sind. All das verpackt in 45- oder 90-Minuten-Einheiten. Immer freundlich, immer gerecht, immer motiviert und am besten immer da.

Blickt man hinter die Fassade, findet man Burnout, Verzweiflung, Resignation.

Es müssen Leistungen abgeprüft und Noten gemacht werden. Der Stoffplan muss eingehalten werden. Klassenfahrten organisiert und finanziert. Schüler motiviert und Eltern beruhigt. Ganz selbstverständlich darf keine Grundlage entstehen, auf der die Schule verklagt werden könnte.

Wie viele Lehrer gibt es wohl, die selbst gar nichts von Noten halten? Die am Ende eines Schuljahres auf die Erlebnisse mit ihrer Klasse zurück blicken, auf die Hochs und Tiefs, das Spannende und das Routinierte und auf dreißig Individuen – und das alles beim besten Willen nicht in den dreißig Zahlen wiederfinden, die sie aufschreiben sollen, damit sie über die Zukunft ihrer Schüler entscheiden können.

Das Bild vom ferienverwöhnten Lehrer ist wahr und falsch. Denn es gibt beide Extreme. Den, der jedes Jahr mit den selben Materialien ins Schuljahr geht und genauso den, der immer wieder alles über den Haufen wirft, auf der Suche, nach den am besten für seine Klasse geeigneten Aufgaben, am besten für verschiedene Niveaus – an Gemeinschaftsschulen sowieso.

Das Recht auf Aufmerksamkeit

„Ein Kind interessiert sich nicht für das was du weißt, bevor es sich sicher ist, dass du dich für es interessierst“. Ich weiß nicht, wo ich das Zitat vor kurzem las, aber ich bin zutiefst überzeugt davon. Als wir irgendwann, so im Mittel der Schulzeit einen sympathischen, jungen Mathelehrer bekamen, verwandelten sich Vierer und Fünfer in kürzester Zeit in Einser und Zweier. Nicht, weil es so viel leichter geworden wäre, sondern weil ich wusste, dass meinem Lehrer etwas daran lag, dass ich diese Dinge lernte. Weil er Spaß an der Sache hatte und ich gleich mit. Auch das gibt es.

Daneben erlebte ich Lehrer, die gegenüber ihren Schülern nur ganz knapp vor Wutausbrüchen und Beschimpfungen standen. Die nicht ernst genommen wurden und deren Situation sich gegenüber den Schülern durch den Gegenangriff auch immer nur weiter verschlechterte.

Unseren tollen Mathelehrer bekamen wir nur, weil wir kurz davor unseren anderen vertrieben hatten. Ein Schüleropfer. Er hatte zu oft Schwäche und Aggressivität gezeigt und wurde kurzerhand zerlegt. Einer von denen, deren Nervenkostüm irgendwann so blank lag, dass es praktisch egal war, was passierte, was einer sagte.

Über einen anderen Lehrer beschwerten wir uns beim Rektor, weil seine Launen, seine Ungerechtigkeiten und seine Schikanen gegenüber einigen Schülern nicht mehr auszuhalten waren. Er sei in psychologischer Behandlung, erfuhren wir, nichts zu machen. Von ihm selbst hörten wir, dass er mehr zufällig in den Lehrerberuf gerutscht war. Mir tut er Leid. Wahrscheinlich unterrichtet er noch immer. Was sollte er sonst tun?

Tatsächlich tut mir fast jeder Lehrer leid, an den ich mich aus Schulzeiten erinnere.

Beide Lehrer, die mich so beeindruckten, blieben mir auch mit ihrer abgekämpften, traurigen Gestalt in Erinnerung. Einer ist inzwischen schon lange in Rente. Der andere arbeitet noch immer.

Schule, Uni, Schule

Lehren ist die Kür aller Dinge. Wer sonst alles erreicht hat, fängt an, sein Wissen weiter zu geben. Ein schönes Ziel. Und pure Theorie.

Denn tatsächlich haben die wenigsten Lehrer viel anderes gesehen als Schule und Uni.

Es ist, als ob sie ihr Leben lang im Lehr-Kosmos weilen, aber Schüler auf das vorbereiten sollen, was außerhalb liegt.

Auf eine Welt, die sie eigentlich gar nicht kennen.

Innerhalb eines abgeschotteten Systems, das viele von ihnen selbst in Frage stellen.

Mit viel Verantwortung, wenig Mitteln und einer großen Portion Idealismus.

In dieser Realität der Lehrenden helfen auch Reformen und Reförmchen nicht über den Zustand hinweg, der Bildungseinrichtungen umgibt: Zwang, Angst und Druck. Auf Schüler und Lehrer.

Die große Frage ist: kann ein Lehrer im System tatsächlich etwas entscheidend verändern?

Ja und nein.

Meistens jedoch nein.

Ja, dann, wenn er es schafft, seine Motivation und seine Ideale innerhalb dieser Umgebung und unter den kritischen, resignierten Blicken älterer Kollegen nicht zu verlieren, gegenüber seinen Schülern eine Atmosphäre aus Vertrauen und Respekt zu schaffen, dabei noch Kreativität beweist und sich gegenüber der Obrigkeit aus Schulleitung und Schulamt durchsetzt.

Dann vielleicht.

Mit viel Aufopferung. Und Geduld.

Die meisten aber geben irgendwann nach. Treiben schließlich mit.

Und ein weiterer Teil, der geht.



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2 Kommentare zu “Das Leid der Lehrenden

  1. Moin,

    ich schreibe einfach mal etwas ungeordnet Gedanken zu deinem Artikel auf.

    Ich stecke mitten in der staatlich geführten Zwangsjacke, die im schönen Ausbildungsgewand mit pädagogischem Konzept daher kommt, auch Referendariat genannt. Lehrkräfte sind letztlich Staatsdiener, die das von dir als »Zwangssystem« bezeichnete System aufrecht erhalten sollen. Alles was darüber hinaus geht ist nicht erforderlicher Bonus. Daran ändern auch die ganzen Studien, Bildungsforschung und (Fach)didaktiken nichts, die ihren Studenten Visionen, Ideen und pädagogisches Geschick mit auf den Weg geben. Denn am Ende entscheiden einige traumhafte, wundersame Theaterstunden über das Eintreten ins Zwangssystem. Gerade in den »Mangelfächern« erscheint mir die Ausbildung an den Schulen häufig nach dem Motto, »so besser nicht«, abzulaufen.

    Du beschreibst, dass du zwei wirklich gute Lehrer hattest, und sagst, dass dies ein schlechter Schnitt sei. Ich glaube, für viele ist das sogar ein guter Schnitt. Vor allem fasst du auf den Punkt zusammen, worin das Problem besteht. Ich komme mit hohen Idealen an diese Einrichtungen. Ich glaube, dass meine Fächer wichtig sind, um Menschen auf die Probleme und Chancen in unserer heutigen Welt vorzubereiten. M.E. ist Informatik allgemeinbildend und sollte daher jedem Menschen vermittelt werden. Jetzt stehe ich in einem System, in dem eine Auswahl der gymnasialen »Elite« die Wahl hat, dieses Fach freiwillig zu wählen. Ich darf sie für eine kurze Zeit in der Woche mit meinen Idealen und Ideen von Unterricht bespaßen. Dabei muss ich mich an eigenartige Lehrpläne halten, die ich fachlich auseinander reißen könnte, da sie zum Teil vollkommenen Unsinn enthalten. Ich muss im Takt Klassenarbeiten, Prüfungen usw. abhalten — ich muss Angst schüren und soll mich zugleich davor bewahren nicht verklagt zu werden — das ist das Wichtigste.

    Ich finde bemerkenswert, wie du LehrerInnen aber auch richtig als Hamster des Systems siehst. Wer 25,5 Stunden pro Woche runterspult, hat bei einer 45 Zeitstundenwoche (ja Lehrer müssen die durch Ferien angehäuften »Urlaubstage« vorarbeiten) etwa 26 Zeitstunden für Vorbereitungen, Korrekturen, Konferenzen usw. Zeit. Das macht etwa eine Stunde pro Unterrichtsstunde Vorbereitung. An einer Klassenarbeit mit Klassenstärke sitze ich etwa 4-6 Stunden, wenn es gut läuft — DeutschlehrerInnen werden mich jetzt sicher schlagen. Manche Schulen halten pro Woche zweistündige Konferenzen ab. Nicht bedacht werden Fahrzeiten zwischen Schulgebäuden, dann fällt die von dir beschriebene Pause gleich ganz weg. Nicht bedacht werden Elterngespräche, Beratungsgespräche mit Schülern, der für das persönliche Verhältnis zu den SchülerInnen so wichtige Klassennachmittag, die Entwicklung toller pädagogischer Konzepte und und und. Arbeitsplätze sucht man an den meisten Schulen auch vergebens — Freistunden werden so zu Zwangspausen. Und das Märchen von den vielen Ferien, werden die Mathe/Deutschlehrer oder Englisch/Deutschleher mit einem augenverdrehen abtun — die sitzen in allen Ferien mit Ausnahme der Sommerferien im Dauerkorrekturmodus vorm Schreibtisch.

    Ja, Lehrer zu sein ist Kür. Genau wegen dem von dir dargelegtem Widerspruch. System gegen Bildung. Noten vs. Gerechtigkeit. Diese Zertifikation innerhalb eines Systems ist doch nur auf Selektion ausgelegt — nichts sonst. Und das mit bewusster Ungerechtigkeit. Noten sind niemals objektiv, niemals gerecht, niemals können sie wirklich ein valides Kriterium für den Lernzuwachs sein. Und doch will die Gesellschaft sie, will dieses System sie und brauchen einige diese, um überhaupt zu überleben. Ich hätte in manchen Kursen im letzten Jahr allen Schülern eine 1 geben können — ohne schlechtes Gewissen, es wäre auch nicht weniger valide als die Gaußverteilung, die dann gemacht werden soll… Alter Lehrerwitz: »Hey der Name sagt mir gar nichts, ich glaube der steht drei. Zeugnisnote: befriedigend — Aber der Schüler ist doch seit einem Jahr schon nicht mehr an unserer Schule.« Lehrer zu sein, ist wohl der anspruchsvollste akademische Beruf den jemand ergreifen kann. Er vereint ein hohes fachliches Wissen (was die meisten LehrerInnen mitbringen) mit der Fähigkeit dieses Wissen in für SchülerInnen sinnvolle Kontexte und Lerngelegenheiten zu transportieren und einem pädagogischen Geschick mit (kleinen) Menschen umgehen zu können. Diese Kombination findet man in keinem anderen Beruf — und vieles davon ist nur schwer zu erlernen.

    »Die große Frage ist: kann ein Lehrer im System tatsächlich etwas daran verändern?« Das ist meine Hauptfrage. Sie beschäftigt mich seit Beginn des Refs. Kann ich das System verbessern? Bei allem Spaß, den mir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen macht, entspricht sie doch nicht meinen Vorstellungen von sinnvollen Voraussetzungen. Am Ende sind es die Betonkästen, defekte Rechner, schlechte Ausstattungen, eigenartige Schulatmosphären in denen Mobbing nur so in der Luft surrt. Was treibt dich an, dich trotzdem in diese Lage hineinzubegeben? Reicht es aus zu sagen, die »armen« Kinder können nichts dafür, vielleicht bin ich wenigstens der eine Lehrer, den sie in Erinnerung behalten? Dabei ist doch selbst das eine Illusion im täglichen Betrieb! Wenn du meine LeidensgenossInnen fragst, habe ich den Spruch »is mir doch egal« in den letzten Wochen geprägt. Wenn die sogenannte Ausbildung, das System, von mir verlangt ich soll Noten ungerecht verteilen, Zauberstunden im Monatstakt vorbereiten, nebenher 14 Stunden Unterrichten, im Seminar Infos aufsaugen und so vieles mehr, dann liegt manche Ungerechtigkeit, manche Angst, manche Schulmüdigkeit nicht mehr in meiner Verantwortung. Und um nicht krank zu werden, sollte man dies dann auch nicht zur eigenen Verantwortung machen. Ich sehe viele Lehrer, die wie du es sagst, müde sind, die auch einmal mit hohen Idealen gekommen sind, und die ich jetzt teilweise als Beispiel für »so besser nicht« erlebe. Das System hat sie verraucht. Tja, wie viel ist uns Bildung, sind uns die Menschen die Bildung betreiben, wert? Mein Eindruck momentan ist, nicht wirklich viel.

    Meine Güte ist fast ein eigener Aufsatz geworden…hoffe der Kommentar ist nicht zu lang 😉
    André

    • Hallo Andre!
      Ich habe eben erst bemerkt, dass ich gar nie auf deinen Kommentar geantwortet hatte. Bald ein Jahr ist das her. Und ich wollte doch, dass hier ganz offiziell steht, dass ich mich riesig darüber gefreut hatte, weil er mir spiegelte, dass das, was ich sagen wollte mit meinem Text auch wirklich so ankam. 🙂
      Ich frage mich, was wohl inzwischen aus dir geworden ist? Das Referendariat ist sehr wahrscheinlich zu Ende. Bist du Lehrer? Bist du weiter im Staatssystem? Wie stehst du inzwischen dazu?
      Gerade zu dem Zeitpunkt als dein Kommentar kam, stieg mein Partner (nach 5 Jahren Studium, 1 1/2 Jahren Referendariat und 3 Jahren als fest angestelltem Lehrer an einer staatl. Schule) aus dem Schuldienst aus.
      Er hat seine Entscheidung bis heute nicht bereut. Aber auch für ihn ist längst nicht geklärt, wie und wo er seine Leidenschaft fürs Unterrichten so ausleben können wird, wie es ihm und seinen Vorstellungen entspricht. Auch Nachhilfe ist da sicherlich nicht die Lösung für immer – ist das doch einfach nur das Parallelsystem, welches das verkorkste Schulsystem halbwegs am Laufen halten soll!
      Wo auch immer du inzwischen bist – vielleicht beschäftigen dich noch immer ähnliche Fragen wie damals. Deshalb möchte ich dir diesen Text ans Herz legen: http://www.xornet.de/themen/texte/die-entscheidung.html
      Viele Grüße und alles Gute!
      Nadine

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