Brief an D. – und an mich

Warum ich das Schöne und das Nützliche nie wieder trennen will

 

Als Kind stellte ich mir die Universität vor als großartigsten Ort der Welt. Halb voll mit spannenden Denkern, Schriftstellern und Philosophen. Halb voll mit welchen, die genau das werden wollten.

Und ich wollte das auch.

Unumstößliche Logik und Eindeutigkeit.


Tatsächlich weiß ich gar nicht genau, wie ich zu dem Bild kam. Meine Erinnerung gibt mir das Gefühl, dass es früher da war, als dass es aus Büchern oder dem Fernsehen kommen können hätte. Aber wahrscheinlich täusche ich mich.

Auch weiß ich nicht, wann es genau verschwand, wahrscheinlich mit der Pubertät oder etwas später. Sehr wahrscheinlich zu der Zeit, in der es gerade so möglich wurde über das Internet mit Fremden zu kommunizieren. Und damit mit Menschen, die eigentlich außerhalb der üblichen Reichweite einer Jugendlichen auf dem Land waren. Menschen, die schon studierten…

Ich erinnere mich an eine Reise nach Tübingen, für mich damals gleichbedeutend mit dem gelobten Land, Universitätsstadt durch und durch. Ich muss bereits 16 gewesen sein, denn ich fuhr die lange Strecke mit dem Motorroller. Ich kann aber auch nicht viel älter gewesen sein, denn mein pubertärer Leicht- und Stursinn waren noch deutlich da. Ich fuhr allein. Ohne dass jemand wusste, wohin ich fuhr. Ich besuchte einen Anglistikstudenten, den ich übers Internet kannte. Uiuiui.

Um 2005 herum war das.

Viel fand man damals online noch nicht.

Google gab es schon einige Zeit. Spinchats, ICQ und MySpace waren noch interessant. Und daneben dominierten illegale Downloads und Spam.

YouTube ging online.

Facebook gab es zwar schon, aber kaum einer interessierte sich dafür. Erst recht nicht in Deutschland.

Irgendwo gab es aber wohl einen Platz, an dem man als junger Mensch auf eben solche Studenten treffen konnte, die das vermutliche Traumleben führten, auf das man auch hoffte.

Entschieden hatte ich mich zu dem Zeitpunkt noch nicht, was ich denn wohl studieren würde. Sprache, Psychologie, Philosophie, Soziologie. Irgendsowas.

Zu dieser Zeit jedenfalls hatte mein Idealbild vom Studentenleben noch Bestand. Ich erinnere mich auch noch daran, wie ich wie berauscht durch diese Traumstadt taumelte. An den knallroten Pullover, den ich mir kaufte. Auffälliger als das, was ich sonst hatte. An das irrsinnige Gefühl von Freiheit. Das erste Mal so ganz allein so weit weg von zuhause. Das erste Mal wirklich ganz allein bestimmen, wohin ich wollte.

Und irgendwann würde dann aus der Ausnahme ein gefühlter Dauerzustand werden…


Dafür, dass es anders kommen könnte, war in meiner Vorstellung keine Kapazität.

Und dennoch: aus meinen eigenen guten Gründen besuchte ich schließlich keine Universität.

Ich ging auch nicht gleich nach dem Abitur hinaus in die Welt, sondern blieb bei meinen Eltern wohnen.

Meine idealisierte Vorstellung von Universität, Studium, Zukunft und Erwachsenenleben hatten sich der erlebten Realität gebeugt. Und ich mich entschieden, mich dem zu entziehen.

Die stupide Stumpfheit des Schulsystems war ernüchternd genug gewesen.

Und anstatt der Erforschung von Geist, Sprache und Sinn, entschied ich mich für Praktischeres, Logischeres, Nützlicheres.


Jetzt, mit Mitte 20, scheint mir die Zeit da, um doch noch meinen ganz eigenen Weg zu verfolgen. Mit mehr Selbstbewusstsein gegenüber mir selbst und der Welt um mich herum.

Mit der Gewissheit – und den (technischen) Möglichkeiten – nach eigenen Regeln zu tun, zu lassen und zu lernen, was ich für richtig halte.

Und nun halte ich auf einmal André Gorz „Brief an D.“ in den Händen. Eine Liebesgeschichte, heißt es. Aber es ist nicht mal die halbe Wahrheit.

Denn während Gorz in liebevollster Weise an seine Frau und Gefährtin schreibt, schreibt er auch von dem Leben der beiden.

Als Intellektuelle in Paris.

Als Menschen, deren Tage aus revolutionären Ideen über das echte Leben bestehen.
Umgeben von noch mehr klugen, kritischen Menschen.

In etwa so, wie ich mir das Universitäts- und das Erwachsenenleben überhaupt vorgestellt hatte.

Und damit schreibt er auch an mich. An meine Sehnsucht. An meine frühere Vorstellung von meinem späteren Leben.

Sein Brief an D. ist auch ein Brief an mich.

Der Text eines Philosophen, der – auch durch D. – abkommt von den reinen Theorien, hin zum realen Leben.

Raus aufs Land.

So, wie sich auch meine Kindheits- und Jugendsehnsucht gewandelt hat.

Weg von der städtischen, rein akademischen Vorstellung eines Lebens. Zu einem ausgewogeneren Bild. Zum Tiefsinnigen und Nützlichen.

Und zu der Erkenntnis, dass das eine nicht ohne das andere sein kann.

Ich kann in der Welt nicht nachhaltig Positives bewirken, ohne dass ich mir selbst dabei gerecht werde.

Und ich kann auch nicht kreativ sein und dabei ignorieren, dass auch für meine Grundbedürfnisse gesorgt werden muss. Dass ich das nicht anderen aufdrücken will, sondern mich selber kümmern.

Dabei ist diese Trennung genau das, was überwiegend um uns herum passiert. Spezialisierung durch und durch.

Die einen sind kreativ, mal gut, mal schlecht bezahlt – und die anderen kümmern sich ums Notwendige. Sehr grob gesagt.

Für mich aber gehört beides zusammen, kann das eine nicht ohne das andere sein.


Brief an D. ist Gorz letztes Buch. Und ein Rückblick auf alles davor.

Ein Freund hat mir das Buch geliehen. Von Gorz hatte ich noch nie gehört.

An dem Punkt, an dem seine Geschichte beginnt, war er etwa so alt wie ich jetzt.

Auch er hatte davor etwas naturwissenschaftliches studiert.

Solche Lebensgeschichten faszinieren mich.

Und ich muss aufpassen, dass ich sie nicht zu sehr idealisiere. Oder zu sehr zu meiner möglichen Zukunft stilisiere.

Stattdessen suche ich mir meinen eigensten Weg. Einen, irgendwo dazwischen.

Vielschichtig.

Ohne Absolutäten.

Ohne das Nützliche und das Schöne zu trennen. Und nur eines davon zu verfolgen.

„Brief an D.“ ist für mich vor allem eine Erinnerung. Ein Wachkitzeln alter Sehnsüchte.

Authentische, weise Worte.

Und der dezente Hinweis, dass das echte Leben genau jetzt beginnt.



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